Autorentheatertage

Auf den Gipfeln der Verzweiflungskomik

Von Liebe und vom Wahnsinn in der Welt handeln die Stücke von Anja Hilling, Lukas Bärfuss und René Pollesch.

Hamburg

"Einen heißen Ritt", hatte Dramaturg John von Düffel zu Beginn des Theatermarathons angekündigt. Er sollte recht behalten. Die drei Uraufführungen führten das Publikum durch die Tiefen ungestillter Sehnsucht und heller Verzweiflung auf die Höhen komödiantischer Kunst - mit kleinen wirklichen und gespielten großen Pannen. "Radio Rhapsodie" von Anja Hilling hatte kaum begonnen, da fiel der Vorhang wieder. Ein Gag aus der Anstalt? Nein, die Tontechnik hatte gestreikt. Noch ehe das im Stück erwartete Erdbeben den flotten Katastrophen-Funk für die Verliebten und Verrückten auf der Insel versenken konnte. Ulrich Khuon entschuldigte sich: "Ein Kabel hat sich verfangen. Es ist wie beim ICE, wir bitten um Verständnis." Verständnisvolle Lacher. Nach kurzer Pause trieb dann Andreas Kriegenburgs surreales Bildertheater in seiner weißen Regenschirm-Installation mit dem Chor von 30 Schauspielstudenten auf bunten Liegestühlen munter in den Abgrund.

Findige Techniker und ein kluger Regisseur, inspiriert durch Pina Bauschs (Alb-)Traum-Tanztheater und Robert Wilsons Bildermagie, hatten Hillings prätentiös symbollastigen Text vor dem Untergang bewahrt. Das drohende Ende im Stück bezogen die skurrilen Radio-Sprecher Sandra Flubacher und Jörg Pose ironisch auf das Festival. Es ging zum letzten Mal - mithilfe zahlreicher Hamburger Stiftungen - über die Bühnen im Thalia und in der Gaußstraße. Die 28 - häufig ausverkauften - Vorstellungen mit Gastspielen aus München, Stuttgart, Wien, Basel, Lausanne und Zürich besuchten 10 308 Zuschauer und erreichten eine Gesamtauslastung von 82 Prozent. Am Deutschen Theater setzt Ulrich Khuon vom 8. bis 18. April 2010 unter neuem Label "Berliner Autorentheatertage" die Werkschau der zeitgenössischen Dramatik fort.

Alle Melancholie in Hillings dunklem, doch von Kriegenburg gegenläufig mit viel Musik schwebend heiter und sonnenhell inszenierten Endzeit-Szenario vertrieben schlagartig Stephan Kimmig und Lukas Bärfuss. Denn anders als in den Jahren zuvor gab es keine, mit heißer Nadel geflickten Werkstatt-Aufführungen, sondern Inszenierungen bewährter, das Festival prägender Schreiber-Regie-Gespanne. Die beiden kitzelten im Labor-Versuch mit Probanden die im Hirn für Angst und Stress zuständige Alarmanlage "Amygdala". Spieler und Regisseur erzielten durch Text-Umstellungen ein Maximum an Verdichtung für die irren Situationen. Peter Jordan dominierte als von Ehrgeiz, Komplexen und Zweifeln gebeuteltes Nervenwrack. Mit zwei durchgeknallten Losern (Moritz Grove und Hans Löw) unternimmt er wissenschaftliche Experimente und stellt mit Geldgewinnen deren Freundschaft und Vertrauen auf die Zerreißprobe. Wie auch Victoria Trauttmansdorff zeichneten sie die Zwangscharaktere hinreißend auf dem Gipfel der Verzweiflungskomik.

Glänzend funktionierte die Steigerungsdramaturgie des Abends. Die Stücke wurden gegen Mitternacht zunehmend kürzer und lustiger. René Polleschs "JFK" - erarbeitet und inszeniert für und mit Judith Hofmann, Felix Knopp und Katrin Wichmann - erhöhte noch den Stimmungspegel. Pollesch zitierte aus "Fantasma", schlug einen gedanklichen Bogen zum Wiener Gastspiel am Festival-Beginn, machte aber das Spielen selber zu einem Witz. Ähnlich wie Jordan brillierte hier Knopp mit einem Solo, indem er sein Stichwort verpasst, seine Gedanken äußert, den Text der Partnerinnen spricht. Der pure Spaß, nicht nur für Theater-Insider. Nach der realen Panne nun gespielte Fauxpas mit verpassten Auftritten durch falsche Türen. Das Trio genoss die Selbstparodie, machte sich lustig über Boulevard-Klischees, Liebeskitsch und Narzissmus.

Jedes Stück handelte auf seine Weise vom Traum der Liebe, von ihrer Unmöglichkeit. Vom Wahnsinn der Welt im Angesicht ihres Untergangs. Den Schauspielern ist es gelungen, aus keinesfalls leichtgewichtigen Themen ein komödiantisch funkelndes Feuerwerk zu zaubern. Sie boten zum Finale der letzten Autorentheatertage dem Publikum ein wahres Theaterfest, machten ihm den Abschied vom Festival schwer. Und auch wieder leicht - durch ihre Kunst.

Lange Nacht der Autoren 28.5., 18., 28.6 u. 5.7., Thalia-Theater, Karten: 32 81 44 44.