Redensarten: Ich sag mal

Wie "belastbar" ist die Wahrheit?

| Lesedauer: 2 Minuten
Hermann Schreiber

Ein neues Modewort ist "unterwegs", vom Politikerdeutsch in die allgemeine Amtssprache, wo es inzwischen angekommen ist. Es ist ein harmloses, im...

Hamburg. Ein neues Modewort ist "unterwegs", vom Politikerdeutsch in die allgemeine Amtssprache, wo es inzwischen angekommen ist. Es ist ein harmloses, im Grunde unverdächtiges Adjektiv: "belastbar".

Belastbar bedeutet, laut Wahrig: "so beschaffen, dass man es belasten kann" - also zum Beispiel Gegenstände wie einen Stahlträger oder das Fundament eines Gebäudes, freilich auch einen Menschen, beziehungsweise dessen Fähigkeit, mit physischen und psychischen Belastungen umzugehen, ohne zu versagen.

Nun aber hört und liest man tagtäglich von belastbaren Zahlen, belastbaren Ergebnissen, belastbaren Erfahrungen oder Berechnungen und vor allem von belastbaren Fakten. Das heißt, heute gilt als belastbar bezeichnet, was bisher einfach zutreffend, verlässlich, glaubwürdig, also nachprüfbar war.

Ein solcher Bedeutungswandel ist ja nicht nur modisch, er hat immer auch einen Hintersinn. Kann es sein, dass wir einfach nicht mehr sicher genug sind, was heutzutage noch richtig, zutreffend, verlässlich, glaubwürdig ist?

Die Hamburger Kultursenatorin hat vor Kurzem erklärt, man wolle der Bürgerschaft noch im November "im Idealfall sogar belastbare Fakten" zum Stand des Baues der Elbphilharmonie vorlegen. Das wird dann aber auch Zeit, denn bislang war offenkundig noch keine Auskunft, die zu diesem Projekt gegeben worden ist, richtig, verlässlich oder gar glaubwürdig, also auch nicht "belastbar" - und etwas Nachprüfbares über Kostensteigerungen und Fertigstellungstermin weiß man immer noch nicht; das wissen auch jene reichen Leute nicht, die ziemlich viel Geld für dieses Projekt lockergemacht haben, dies aber vielleicht gar nicht getan hätten, wenn sie geahnt hätten, wie wenig "belastbar" die Projektionen waren, die man ihnen vorgestellt hat.

Da kann man doch nur hoffen, dass wenigstens der alte Kaispeicher A hinlänglich belastbar ist, damit das auf ihm zu errichtende Glitzerding nicht eines Tages in die Elbe kippt und dort dann als das "ultimative" Wahrzeichen für den Wahn von der wachsenden Stadt herausragt, die auf einmal nicht mehr groß, spektakulär, weltläufig genug sein soll. Der viel geschmähte Sprachwandel hat eben auch etwas Enthüllendes.

Daran sollten Sie denken, liebe Leser beiderlei Geschlechts, wenn Sie "belastbar" dort lesen, wo eigentlich zutreffend und glaubwürdig stehen sollte.