Aktuelle Konzertkritiken aus der Freitagnacht: Guilty Guitars, Abbau West, Spillsbury

Musikalischer Sprint, kein Walking

Es ist doch immer wieder faszinierend, wie viel hoch lebendige Hamburger Musikszene es an einem normalen Freitagabend auf kleinstem Raum zwischen Schanze und Kiez zu entdecken gibt...

Es ist doch immer wieder faszinierend, wie viel hoch lebendige Hamburger Musikszene es an einem normalen Freitagabend auf kleinstem Raum zwischen Schanze und Kiez zu entdecken gibt. Die Hanseplatte zum Beispiel, dieser Laden am Rande des Karoviertels, der ausschließlich Musik-Hamburgensien im Angebot führt, ist für sich genommen ja schon eine Fundgrube. Nun lädt der Hamburger Verein RockCity zwischen CDs, Vinyl, Band-T-Shirts und Birken-Deko auch noch regelmäßig zu seiner kleinen, feinen Konzertreihe "Op'n Zwutsch". Gestern präsentierte das junge Rocktrio Guilty Guitars ihr drittes Album "In Need Of Now". Gitarrengewitter, intelligent gebrochene Melodien, zweistimmiger Gesang, manchmal etwas neben der Spur, aber insgesamt eine amtliche Aufwärmstation für die Nacht.

Einmal über die Feldstraße in den Bunker hinein und den Fahrstuhl hinauf ließ sich wenige Minuten später direkt die nächste Hamburger Band erleben. Das Quartett Abbau West brachte das Publikum im Uebel & Gefährlich gut in Fahrt mit seinem munteren wie dreckigen Rock'n'Roll, der durch ein nervös quengelndes Keyboard hübsch aufgemotzt wurde. Vor allem aber beeindruckte Sängerin und Gitarristin Julia Lubcke, Szene-Vertraute durch frühere Formationen wie Fünf Freunde und Concord. Mit ihrem vollmundigen Gesang trieb sie die englisch-sprachigen Songs voran, liess ihre Stimme aber auch immer wieder kieksend und schreiend ausbrechen.

Eine weitere starke Frontfrau folgte mit der Elektropunk-Formation Spillsbury, die die Veröffentlichung ihrer dritten Platte "Auf zum Atem" feierte. Beim Opener "Ich kann alles" ging Zoe Meißners zornige Mädchenstimme zwar noch in technischen Problemen unter. Aber nach beherzten "Lauter"-Rufen der Fans waren die Probleme rasch behoben und Meißner startete ihr Verausgabungsprogramm. Ein dünne Göre in Glitzershirt, karierter Hose und dicken Schnürstiefeln, die auf der Stelle joggte, um sich boxte, eckig tanzte und sich ins Mikro hing, als stoße sie ihre sozialkritischen Verse aus ihrem Innersten heraus.

Ihr Kompagnon Tobias Asche, ein Punkrocker mit Nickelbrille, spielte einen Bass, der durch den Körper vibrierte. Und so dauerte es nicht lange, bis die Menge euphorisiert tanzte zu diesem Sound, der zu ruppig ist, um Neue Deutsche Welle zu sein, und zu poppig, um als Punk durchzugehen. Fest steht jedoch: Bei Spillsbury rappelt es live gewaltig im Karton. Dieses Konzert war ein Sprint, kein Walking. Zum Beispiel bei Stücken wie der aktuellen Single "Sturzflug", wo Meißner proklamierte: "Ich stürz durch die Häuserschluchten,/bin zu mehr als allem bereit,/in meiner Tasche nur noch Kleingeld,/das muss reichen lange Zeit". Ein Zustand für viele in einer ganz normalen Freitagnacht zwischen Schanze und Kiez. (bir)