Aktuelle Kritik: Kampnagel

Krieg aus dem Blick eines afrikanischen Kindersoldaten

| Lesedauer: 2 Minuten

Am Sonnabend war in der Kampnagelfabrik der Wurm drin. Eine Panne jagte die andere. Alle Kassen-Computer waren ausgefallen. Außerdem hatte die Tänzerin Fumiyo Ikeda ihren Flieger in Amsterdam verpasst und musste im Taxi nach Hamburg jagen.

Hamburg. Die Folge: Verzögerter Beginn der Vorstellungen. "Nine Finger", Alain Platels Performance über Kindersoldaten, fing sogar eine Stunde später an. Also hatte man genügend Zeit, sich in der Schlange vor dem einzigen Ticket-Terminal im Foyer die Füße zu vertreten. Die Menge drängelte sich ohnehin nicht zum Problem-Stück, sondern zum flotten Laientanz-Spektakel der Royston-Maldoom-Jünger. Nur der kleine, harte Kern der Hamburger Alain-Platel-Fans zollte dem zweitägigen Gastspiel Beachtung. Die nicht gekommen waren, haben aber auch nicht allzu viel verpasst. Das Duo, oder richtiger die beiden Soli von Ikeda und Benjamin Verdonck hinterließen einen zwiespältigen Eindruck. Wie kann man den Krieg und das Elend der als Tötungsmaschinen missbrauchten Kinder darstellen? Als Basismaterial diente Regisseur wie Performern der Roman "Du sollst Bestie sein!" Der nigerianische Amerikaner Uzodinma Iweala beschreibt darin den Krieg aus dem Blick eines afrikanischen Kindersoldaten. Auf der Bühne nur Mikros und ein großer Pappkarton. Der jungenhaft schmächtige Verdonck schwärzt sein Gesicht: Zugleich militärische Tarnfarbe und Verwandlung in den kleinen Agu. Er stößt den Text (auf Englisch) hervor und spielt "Krieg" wie es Kinder tun. Er rast herum und schlägt mit dem Mikro um sich, wirft die Partnerin in den Karton und springt nach. Er erzählt vom Drill durch den Commander, von Überfällen, von Töten und Vergewaltigungen. Die "Rosas"-Tänzerin Fumiyo Ikeda kommentiert, gefangen in Bewegungsschleifen, die hektischen Berichte. Beklemmung und Konzentration stellen sich aber am ehesten in den ruhigen, auf die Kinderrede reduzierten Szenen ein, etwa wenn sich Agu /Verdonck an die quälende Vergewaltigung durch den Commander erinnert. Was aber in dieser Stunde richtig schmerzt, ist die Ungerührtheit der Natur über all diese, von Menschen verantworteten Gräuel: Fröhlich und pausenlos hört man die Vogelwelt tirilieren, singen und zwitschern. Als ob überhaupt nichts passieren würde. Gerade im distanzierten Kunst-Vorgang und über das Wort ist es dem Künstler-Trio am ehesten gelungen, sich des für die Bühne heiklen Themas anzunähern.