Benimmregeln? Wie es euch gefällt!

Hamburg -. Zeugt es von guter Kinderstube, seinen Sitznachbarn im Gruppengespräch den Rücken zuzukehren? Entspricht es der Etikette, fröhlich Schokokuchen zu löffeln, während jemand einen Vortrag hält? Kommt auf die Umstände an, und die waren bei den vierten literarischen "Kaffeehausgesprächen" in einem kleinen Ladencafe im Schanzenviertel erstens aus Platzgründen nicht anders möglich und zweitens ausdrücklich gar nicht anders gewollt. Denn auch wenn Manieren, insbesondere das vermeintliche Regelwerk des Freiherrn von Knigge, das Thema waren, war doch vor allem ein gemütliches Miteinander erwünscht.

Knigge hätte das wohl gefallen. Dass der Freiherr nämlich keineswegs eine steife Etikette, sondern die Durchsetzung demokratischer, gleichberechtigter Gesellschaftsformen im aufgeklärten Sinn hatte, dürfte für die meisten wohl die überraschende Erkenntnis des Abends gewesen sein. Tatsächlich interessierte sich der "Ur-Knigge" weniger dafür, ob jemand die Ellenbogen auf den Tisch stützt, als vielmehr für ein aufrechtes Miteinander; Knigge schrieb gegen Despotismus, Dummheit und Müßiggang an.

Das literarische "Kaffeehausgespräch" indes erschöpfte sich dann leider trotzdem ein wenig in der Diskussion um Umgangsformen und Erziehung und ließ die Literatur dabei etwas aus den Augen. Blieb also die Frage, ob Benimmbücher eher jene sind, die man Kindern unter die Arme klemmt, damit sie beim Essen Haltung erlernen, oder doch eher die "Buddenbrooks" und das Grundgesetz im Buchregal? Um Bücher geht es jedenfalls wieder verstärkt bei der nächsten Ausgabe der "Kaffeehausgespräche" (21.8., 19.30 Uhr, Juliusstr. 16). Und die Etikette orientiert sich auch wieder vorrangig am Namen des Veranstaltungsortes: "Wie es euch gefällt".