Spanien im Herbst

Gerne wird unter Künstlern darüber spekuliert, welche Regierung, eine sozialdemokratische oder eine konservative, mehr für die Kunst und die Künstler tut.

Die schnelle Antwort lautete in Deutschland vermutlich, Institutionen geht es mit rechten Regierungen besser, den Künstlern mit linken, aber so einfach ist es nicht. Noch schwieriger wird es beim Blick ins Ausland: von goldenen Zeiten für französische Künstler unter Kulturminister-Legende Jack Lang bis zum Einbruch und anschließenden Aufbruch in England unter Thatchers neoliberalem Regime reichen die Geschichten. Eine der bemerkenswertesten Situationen findet man in den Ländern mit separatistischen Landesteilen wie Spanien. Einige der erstaunlichsten politischen Strömungen, der merkwürdigsten politischen Kulturen, der absurdesten kulturpolitischen Entscheidungen und der interessantesten Kulturorte sind in Gegenden wie dem Baskenland oder Katalonien zu finden.

Im Kampf um Abgrenzung vom Spanischen Nationalstaat kommen Sprache, Kultur und Kunst Bedeutungen zu, die sie in demokratischen Republiken weitgehend verloren haben. Kulturinstitutionen werden Zentren der regionalen Identität und damit politisch interessant. Das erhöht einerseits ihre gesellschaftliche Relevanz und andererseits die Lust der Regierung, sie auf unterschiedliche Weise zu instrumentalisieren. Wie in Bayern gibt es in Barcelona mehr große Museen und Theater als im Rest der Republik, weil sich neben der Stadt auch das Land profilieren möchte. Darüber hinaus entstehen Orte, die wir hierzulande gar nicht kennen, mit einem Profil zwischen Diskurs und Kunst. Zweifellos läge es nahe, hier ideologischen Missbrauch zu vermuten, ich konnte ihn bisher allerdings selten beobachten. Nur aus der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als Milliardär Soros überall in Osteuropa seine Open Society Institute gründete, kennt man Kulturinstitutionen, die sich so sehr auch dem gesellschaftspolitischen Diskurs verpflichtet fühlen wie in Teilen Spaniens. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst Barcelona CCCB ist so ein Ort. Politische Projekte stehen hier gleichberechtigt neben großen Ausstellungen, Filmfestivals oder Musikevents wie dem berühmten Sonarfestival. Immer wieder landete ich im CCCB, als ich politische Kunstprojekte fürs Deutsche Schauspielhaus gesucht und entwickelt habe, wenige Orte auf der Welt bieten derartigen Freiraum und Support für inhaltliche künstlerische Arbeit.

An dieser Stelle wollte ich nun eigentlich den Exkurs über die spanische Kleinstaaterei und die Rückwärtsgewandtheit von Separatismus beginnen. Nun habe ich aber gerade im Flugzeug Jürgen Hunold dazu gelesen (ja, der Vorstand von Airberlin, der mit beeindruckender Konsequenz jeden Monat das Editorial seines Boardmagazins für reaktionäre politische Statements nutzt). Also lasse ich's und stelle lieber einen weiteren Ort vor:

Eine ähnlich überraschende Institution gibt es in San Sebastian. Das Produktionszentrum Arteleku am Rande der Stadt ermöglicht eine künstlerische Arbeit wie wenige andere Orte auf der Welt. Wirklich gleichberechtigt werden hier an Künstler (und Theoretiker) unterschiedlichster Disziplinen Räume, Unterrichtsaufträge und kleinere Produktionen vergeben. Als ich das letzte Mal dort war, hielt der bildende Künstler Pavel Althammer gerade die letzten Tage eines Workshops mit internationalen und lokalen Studenten und Ex-Dokumenta-Leiterin Catherine David kam gerade zur Vorbereitung eines großen europäischen Ausstellungsprojekts vorbei. Lange Residencies, bis zu mehreren Jahren, bieten künstlerischen Handschriften die langfristige Basis, die sie brauchen, um sich unabhängig vom Kunstmarkt zu entwickeln. Gleichzeitig entstehen durch das lange Nebeneinander der Disziplinen Projekte über Sparten hinweg, die sonst schwierig zusammenfinden. Ein Relikt aus sozialdemokratischer Kulturpolitik der 80er Jahre würde man in Deutschland vermutlich denken. In San Sebastian hat die Institution gerade ein neues Gebäude bekommen. Sie zieht vom Stadtrand ins Zentrum in eine alte Tabakfabrik und vervielfacht ihre Fläche auf mehrere tausend Quadratmeter. Herzlichen Glückwunsch!