Nils Mohl: "Kasse 53"

Manische Ethnologie des Einzelhandels

F. Scott Fitzgerald, Schriftsteller, hat mal behauptet: "Trinken ist das Laster des Schriftstellers." Dass andere Berufsgruppen auch so ihre Unzulänglichkeiten haben, scheinen Fitzgeralds Kollegen in diesem Frühjahr besonders gern beweisen wollen, eigene Lebenserfahrungen führten in diesen Fällen zu entsprechender Berufgruppenliteratur und beim Leser zur ungewohnten Insider-Perspektive. Wer Karen Duves Roman "Taxi" gelesen hat, fährt jedenfalls nicht mehr unbefangen in denselben. Und wer Nils Mohls "Kasse 53" (Achilla Presse, 16 Euro) nach 210 Seiten zuklappt, dem geht es mit Kaufhauskassierern nicht anders.

Minutiös und bis ins allerletzte Detail schildert Mohl den Alltag eines jungen Mannes, der - obwohl niemals explizit genannt, so doch unschwer zu erkennen - im längst geschlossenen Hamburger Traditions-Kaufhaus "Brinkmann" an der Kasse der CD-Abteilung sitzt (wie einst der Autor selbst). Ironisch schreibt er über die Absurditäten und die "humanitäre Dimension" des Jobs, über die Donnerstage, "Tag der Gestörten und Kaputten", nur getoppt vom Mittwoch, wenn die Arztpraxen geschlossen und die Alten nichts zu tun haben. Die spöttischen, manisch genauen, streng strukturierten Beobachtungen des Erzählers - mal "ich", mal "er", mal "du" - sind feine Entblößungen der Gattung Mensch. Ein Roman im eigentlichen Sinne ist das nicht, es gibt keinen Plot, keine Entwicklung, keine Tiefe in der Figurenzeichnung. Eher ist es eine Einzelhandels-Ethnologie und damit auch ein böses, oft sehr witziges Gesellschaftsporträt. Denn Kunde ist früher oder später jeder mal. Nach dieser Lektüre garantiert ein netterer.

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