Der digitale Redakteur

Google hat jetzt eine Online-Nachrichtenredaktion, die ohne Menschen arbeitet

Hamburg. Eine Redaktion, in der im Minutentakt die aktuellsten Nachrichten aus aller Welt zusammenlaufen und die zugleich den Meldungsstrom über alle Kontinente verteilt - das klingt nach hektischen Redakteuren, klingelnden Telefonen und flimmernden Monitoren. Völlig falsch ist dieses Bild bei internationalen Nachrichtenlieferanten wie CNN, BBC oder Reuters wohl nicht.

Seit einigen Wochen bietet auch die durch ihre gleichnamige Internet-Suchmaschine bekannte Firma Google aus dem kalifornischen Mountain View Weltnachrichten rund um die Uhr an. Doch Nachrichtenticker, laute Großraumbüros mit halb vollen Kaffeetassen, sogar Redakteure sucht man hier vergebens - die Redaktion ist ein Computer.

Eine auf Nachrichten spezialisierte Suchmaschine durchforstet nach eigenen Angaben alle 15 Minuten rund 4000 Medienangebote im Internet und stellt die wichtigsten Themen auf den eigenen zusammen. In sieben Rubriken wie Politik, Wirtschaft und Sport finden sich dazu Schlagzeilen, Fotos und Verweise auf die kompletten Texte in englischsprachigen Onlinemedien von cnn.com bis zum neuseeländischen Provinzblatt.

Google nennt dies ein Nachrichtenangebot, "ohne Rücksicht auf politische Ansichten oder Ideologien" und "ohne menschliche Eingriffe". Klingt irgendwie bestechend. Aber wie genau funktioniert der Such-Algorithmus, der den Computer zur Redaktion macht? Das bleibt Firmengeheimnis, nur einige Zutaten sind bekannt: Die Häufigkeit eines Themas, Aktualität und die - von Menschen eingeschätzte - Glaubwürdigkeit der Quelle. Herzstück aber ist eine Formel, die nicht nur zählt, wie häufig ein Begriff in den ausgewerteten Nachrichten vorkommt, sondern auch in welchem Zusammenhang. So verhindert Google, dass die Schlagzeilen wahllos und ausschließlich von "Bush" handeln.

In den US-Medien hat der neue Konkurrent zu einer heftigen Diskussion über den Wert von Nachrichten geführt. So fragte der bekannte Medienjournalist Howard Kurtz von der "Washington Post" verärgert, ob Nachrichten im Internet-Zeitalter "nur eine blutlose Zusammestellung elektronischer Verbindungen zu Medien in aller Welt" seien. Ein Redakteur des "Time Magazine" befand immerhin, das Angebot von Google sei "überraschend gut". Und ein Kolumnist des Online-Magazins "Slate" glaubt sogar an den Sieg der automatischen Nachrichten, da keine Redaktion mit Robotern konkurieren könne, die rund um die Uhr arbeiten.

Wie das Angebot, das sich noch in einer Testphase befindet, von den Nutzern angenommen wird, lässt sich noch nicht beziffern. Deswegen will der Leiter des deutschen Büros, Holger Meyer, auch noch nicht sagen, ob Google das Programm auch an deutschsprachige Online-Medien anpassen will: "Wenn wir neue Produkte entwickeln und diese erfolgreich sind, dann bringen wir sie auch nach Europa."

Noch ähnelt Googles News-Site einer - nordamerikanischen - Online-Redaktion. Nützlich für einen schnellen Überblick über die Weltnachrichtenlage. Bei genauerem Hinsehen stößt man aber in den oft Hunderten Verweisen zu einem Thema häufig auf dieselben Texte: Der Computer kann Eigenrecherche weder von Agenturmeldungen noch von Propaganda unterscheiden.

Zudem arbeitet die Beta-Version des Nachrichtenroboters noch nicht fehlerfrei. So fand sich zwischen den Nachrichten über die Geiselnahme in Moskau auch ein Bericht einer neuseeländischen Zeitung über wirtschaftliche Probleme Russlands. Fast schon legendär ist, dass eine der ersten Meldungen über Schröders Sieg bei den Bundestagswahlen ausgerechnet von der iranischen Nachrichtenagentur Irna kam.

Es klingt paradox: Gerade weil das Nachrichtenangebot ohne Menschen produziert wird, ist Google auf die Arbeit von Menschen angewiesen, die Informationen recherchieren, Themen gewichten und Berichte schreiben, auf die Google dann verweisen kann. Denn so weit ist Kollege Algorithmus doch nicht.

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