Architektur: Der Symbolbau ist das wichtigste Projekt der Schweizer Herzog & de Meuron

Dem System ins Nest gegangen

Der Dokumentarfilm "Bird's Nest" begleitet die Planung des Pekinger Olympiastadions.

Hamburg. Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gelungen. Diesen Unterschied musste der französische Stararchitekt Jean Nouvel während des Wettbewerbs für Pekings Olympiastadion erfahren. Nouvels Einfall, ein Entwurf mit grünem Dach, erinnerte an einen Schildkrötenpanzer, vordergründig eine hübsche Idee. Wie sich herausstellen sollte, aber keine sehr schlaue. Eine grüne Mütze nämlich ist in China eindeutig besetzt. Eindeutig negativ: Sie bedeutet, dass die Frau dem Manne Hörner aufgesetzt hat. Diese Peinlichkeit wollte sich Chinas Hauptstadt dann doch lieber ersparen. Und besann sich auf eine andere Redewendung: "Ein Nest baut man, um Phönixe anzulocken." Und verlockende Anziehungskraft war schon eher, was die chinesischen Verantwortlichen vor Ort für die Olympischen Spiele im Sinn hatten. Dass nach dem Nestbau auch kritische Geister flügge werden würden, die man nun nicht so leicht loswird, ahnten sie damals nicht.

"Bird's Nest", Vogelnest, hatten die Medien den Entwurf des Schweizer Büros Herzog & de Meuron pragmatisch getauft - die Macher selbst hatten das offensichtliche Bild trotz ihrer lichtdurchlässigen Gitterstruktur erstaunlicherweise nicht im Kopf.

Einen Bau, den die Chinesen "wenigstens mit ihrer Kultur assoziieren", den allerdings beabsichtigten Jacques Herzog und Pierre de Meuron durchaus, wie nun eine Dokumentation beweist: Der Filmemacher Christoph Schaub und Michael Schindhelm, ehemaliger Generaldirektor der Berliner Opernstiftung und heute Kulturdirektor in Dubai, haben das Architekten-Duo mit der Kamera nach China begleitet. Auf dem Weg zu Herzog und de Meurons "bislang größter Herausforderung", dem, so Herzog, "vielleicht wichtigsten Gebäude unserer Karriere". Und einem der deutlichsten Symbolbauten des 21. Jahrhunderts.

Was umso nachdrücklicher erscheint angesicht anderer Renommierprojekte des Baseler Büros wie der Entwurf der Hamburger Elbphilharmonie oder der Erweiterungsbau der Londoner Tate Modern. Auch ein Stadion befindet sich schon im Portfolio: die Münchner Allianz-Arena. Wer jedoch heutzutage in der Weltliga der Architekten mitspielen möchte, der muss in China vorturnen. Auch - vielleicht erst recht - wenn dort alles ein bisschen anders läuft als bei anderen Auftraggebern.

Die Frage, ob sich Architekten damit nicht auf dünnes Eis wagen, sich möglicherweise dem Größenwahn hingeben, die eigene Gestaltungsmacht vor den (auch politisch) offenen Blick stellen, wirft der Film leider erst sehr spät auf. "Wir wollen nicht ein System verherrlichen, wir haben immer den Menschen in den Vordergrund stellen wollen", sagt de Meuron an einer Stelle. Und man möchte ihm das schon gern glauben, schon weil Herzog & de Meuron bei der Planung nicht nur die spektakuläre Eröffnung, sondern auch die spätere Nutzung mitdenken. Umso erstaunter bleibt man zurück angesichts von Architekten, die über Monate im Land arbeiten, jedoch wenig von den teils menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter zu wissen scheinen - oder wissen wollen? Denn es ist schon eine erstaunliche Einsicht, die Herzog aus China mitnimmt: "Demokratie hat etwas Lähmendes auf Architekturprojekte", stellt er überraschend kritiklos fest. "Gute Architektur ist nicht nur in Demokratien entstanden." Damit hat er zweifelsohne recht. Bloß: Es klingt wie eine Rechtfertigung. Und wirkt damit umso zynischer, wenn man sich an das Selbstverständnis der Architekten erinnert: "Man baut nicht einfach ein Gebäude. Man entwickelt eine Vision davon, wie die Menschen in der Zukunft leben." Hat man also als Architekt einen Einfluss darauf?

Wie begrenzt dieser theoretische Einfluss in der Realität ist, zeigt eine andere Sequenz, eine der komischsten und zugleich peinlichsten Szenen des Films: "Aber ich bin der Architekt!", ruft Pierre de Meuron beim symbolischen Spatenstich einer chinesischen Hostess zu, mit der er verzweifelt um die letzte Schaufel ringt: "Gib her! Gib her!" De Meuron unterliegt, die Hostess geht schippen. Die groteske Szene verdeutlicht auch eines: Der Architekt darf zwar die Vision kreieren. Nachdem sie jedoch Gestalt annimmt, liegt die Macht darüber bei anderen. Während ein Künstler seine Kreativität als wesentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit begreifen dürfte, rückt Pekings immer lächelnder Oberbaudirektor die Machtverhältnisse gerade: "Ihre Arbeit ist es auch, uns zufriedenzustellen. Ob sie es aus dem Herzen heraus tun, weiß ich nicht. Jedenfalls machen sie es gut." Auch Lob kann vernichtend sein.

Um die chinesische Mentalität einschätzen und mit ihr umgehen zu können, haben sich Herzog & de Meuron Insider ins Boot geholt: den Schweizer Kunstsammler und "kulturellen Übersetzer" Uli Sigg und Ai Weiwei, einen der einflussreichsten chinesischen Künstler der Gegenwart, der den Architekten auch die Planung eines ganzen Stadtteils in Jinhua verschaffte. Solch Dimensionen sind im Reich der Mitte keineswegs unüblich, das Hamburger Architekturbüro gmp (s. unten) plant gleich eine komplette Stadt. Die aus der Distanz oft schwer begreifbare Selbstverständlichkeit, mit der solche Vorhaben dort angegangen werden, vermittelt "Bird's Nest" so anschaulich wie das grenzenlose Selbstvertrauen der Auftraggeber: "Manchmal versteht uns die Welt nicht", sagt an einer Stelle Pekings Oberbaudirektor. Lächelnd. "Warum, wissen wir auch nicht."