Das ganze Interview mit Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner

"Wir tun alles, damit noch mehr Besucher kommen"

Abendblatt-Redakteur Dr. Matthias Gretzschel sprach mit Kunsthallen-Chef Hubertus Gaßner.

Hamburger Abendblatt: Mit Ihrer Bemerkung, dass die Bedeutung von Kunst zunehmend auf Kunstmessen formuliert würde und Museen eine aussterbende Gattung seien, haben Sie kürzlich für Aufregung gesorgt. Wann schließt die Kunsthalle?
Hubertus Gaßner: Das wird sie hoffentlich nie tun, jedenfalls nicht, so lange ich Direktor bin. Wir tun alles, damit noch mehr Besucher zu uns kommen. Museen müssen das Erbe bewahren und pflegen und erforschen, sie müssen es vor allem aber auch vermitteln. Die Gründungsidee der Museen besteht ja darin, die Kunst vielen Menschen nahe zu bringen, ästhetische Erfahrung und historisch-kritisches Bewusstsein allen zu ermöglichen. Das können Kunstmessen nicht, sie sind für Umsatz und Unterhaltung da.


Hamburger Abendblatt: Und warum sind dann Museen eine aussterbende Gattung?
Hubertus Gaßner: Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie schnell man falsch verstanden werden kann. Natürlich meine ich nicht, dass Museen aussterben. Ich bin aber der Meinung, dass Museen sich verändern müssen, damit sie nicht zu Dinosauriern werden, die irgendwann tatsächlich aussterben. Der amerikanischen Kunstsoziologe Douglas Crimp hat schon 1993 "On the Museum’s Ruins" geschrieben und Werner Hofmann hat darauf bestanden, dass sich das Museum durch die Kunst infrage stellen lassen müsste, damit das Museum durch die Kunst immer wieder erneuert wird. Das hat damals in den 70er-Jahren niemanden aufgeregt, aber das war in einer Zeit, die Kritik vertragen hat. Ich habe mit meiner Äußerung nichts anderes gemeint, aber die Zeit ist offenbar heute anders.


Hamburger Abendblatt: Droht den Museen Gefahr?
Hubertus Gaßner: Wenn man es langfristig betrachtet, kann man sagen, dass das Museum mit der bürgerlichen Gesellschaft existiert, auch wenn es in den Residenzen frühere Gründungen gab. Aber im Wesentlichen sind Museen Gründungen bürgerlicher Nationalstaaten. Wenn man beobachtet, wie der Nationalstaat nach und nach verschwindet und sich das Bürgertum transformiert, dann kann man darüber spekulieren, ob das Museum in seiner ursprünglichen Funktion der Repräsentation bürgerlicher Kultur und Gesellschaft noch auf Dauer Bestand haben wird. Für mich wäre das ein höchst bedauerlicher Fall, ich begrüße das nicht, sondern kämpfe dagegen. Natürlich werden die Häuser und die Sammlungen bestehen bleiben, aber schon jetzt stellen wir ja fest, dass die Besucher nur zu 20 Prozent der Sammlungen wegen kommen und zu 80 Prozent, um sich Wechselausstellungen anzusehen. Wenn Museen sich zu reinen Ausstellungshallen entwickeln, verlieren sie ihren ursprünglichen Charakter.


Hamburger Abendblatt: Was könnte man denn tun, damit die Dauerausstellungen stärker beachtet werden?
Hubertus Gaßner: Man könnte zum Beispiel auf den Eintritt für den Besuch der ständigen Sammlung verzichten und dafür die Preise für Wechselausstellungen leicht erhöhen. Bis in die 60er Jahre war der Eintritt in fast allen deutschen Museen gratis. In England hat man bis heute hervorragende Erfahrungen damit gemacht.


Hamburger Abendblatt: Zurzeit sparen Sie aber sogar an Stellen, an denen es richtig wehtut. Aus Kostengründen haben Sie die die Kuratorenstelle der Galerie der Gegenwart für ein Jahr nicht besetzt. Ist es wirklich zu verantworten, eine so wichtige Stelle verwaist zu lassen, um vielleicht 70000 Euro damit zu einsparen?
Hubertus Gaßner: Wir müssen sparen. Der Vorstand ist vom Stiftungsrat dazu verpflichtet worden. Wir haben uns überlegt, wo wir etwas machen können. Eine Alternative wäre, Bereiche der Sammlung für das Publikum zu schließen. Das wollte ich auf keinen Fall. Und Sie sehen ja, dass wir in der Galerie der Gegenwart trotzdem ein interessantes Programm haben. Leider ist die noch von Christoph Heinrich so vorzüglich kuratierte Ausstellung "Weltempfänger" nicht so stark besucht worden, wie wir gehofft hatten. Der Versuch, die ständige Sammlung wie eine Wechselausstellung zu präsentieren, hat nicht so erfolgreich funktioniert, wie wir es erwarteten. Die Besucher haben gemerkt, dass es eben doch keine Wechselausstellung ist.


Hamburger Abendblatt: Es geht nicht nur um Ausstellungen, Museen haben einen viel weiter gefassten Kulturauftrag. Können sie diesen mit den gegebenen finanziellen Mitteln überhaupt noch erfüllen?
Hubertus Gaßner: Ich habe überhaupt keinen Ausstellungsetat. Alle Wechselausstellungen müssen über Drittmittel finanziert werden. Es gibt auch keinen Erwerbungsetat. Alle unsere Erwerbungen kommen über Stiftungen und Sponsoren ins Haus. Wir müssen mit Ausstellungen Geld verdienen, um das Haus überhaupt in allen seinen Teilen offen halten zu können. Damit haben wir schon ein Optimum erreicht, mehr können wir mit unseren Kräften nicht leisten.


Hamburger Abendblatt: Wie steht es mit der Forschung?
Hubertus Gaßner: Auch das läuft alles über Drittmittel. Wir haben nicht einmal eigenes Geld für Bilderrahmen. Ich habe jetzt zwei Gemälde von Eckersberg, der mit C.D. Friedrich befreundet war, gekauft. Da uns aber das Geld für angemessene Rahmen fehlt, kann ich sie vorläufig nicht zeigen.


Hamburger Abendblatt: Nach der Entschuldung der Kunsthalle ist schon wieder ein Defizit von einer Million Euro aufgetaucht. Glauben Sie, dass sich die Kunsthalle unter den gegebenen Bedingungen überhaupt noch aus der Schuldenfalle befreien kann?
Hubertus Gaßner: Natürlich haben wir zu geringe finanzielle Mittel. Ich glaube aber, dass wir noch größere Anstrengungen im Sponsoring unternehmen können. Traditionell hat man in Hamburg meist nur Hamburger Sponsoren angesprochen. Wir behalten das zwar bei, wenden uns aber darüber hinaus nun auch an Sponsoren im nationalen und internationalen Maßstab. Die Probleme sind wirklich groß, denn die Unterhaltung des Hauses und auch die Kosten für die Ausstellungen werden immer höher teurer.


Hamburger Abendblatt: Sie sparen an der Schmerzgrenze, haben so viele Besucher wie nie zuvor und werden trotzdem von den Schulden fast erdrückt. Ist das nicht absurd?
Hubertus Gaßner: Es stimmt mich bedenklich und melancholisch, dass wir unter dem allseitigen Druck der Ökonomisierung der Kultur auf dem Weg einer Amerikanisierung unserer Museen sind. Die amerikanischen Direktoren beneiden uns hingegen um unsere bisherige Finanzierung durch die Öffentliche Hand. Das Problem ist, dass wir keine wirtschaftlichen und sozialen Strukturen wie in Amerika haben, ohne die dieses Modell eben nicht funktioniert. In den USA gibt es eine völlig andere Steuergesetzgebung und in den Firmen eine über vielen Jahrzehnten gewachsene und inzwischen ganz selbstverständliche Spendenkultur.


Hamburger Abendblatt: Sie sind mit großem Optimismus nach Hamburg gekommen und hatten große Pläne. Was wird zum Beispiel aus der von Ihnen geplanten "Orangerie" auf der Freifläche zwischen Gründungsbau und Galerie der Gegenwart?
Hubertus Gaßner: Ich glaube nach wie vor daran und bin fest entschlossen, wenn möglich noch dieses Jahr Schritte in diese Richtung zu machen. Wenn die Plattform komplett überbaut werden könnte, bekommen wir eine neue Eingangssituation. Das wäre tatsächlich die ideale Lösung, um beide Häuser zu verbinden, klare Rundgänge durch die Sammlung zu ermöglichen und das bisherige Labyrinth zu beseitigen. In diesem Pavillon könnten dann die zentrale Kasse, der Museumsshop, die Garderobe und das Restaurant untergebracht werden. Damit hätten wir sowohl das Erdgeschoss in der Galerie der Gegenwart als auch das Untergeschoss im Gründungsbau frei für die Sammlung und Ausstellungen.


Hamburger Abendblatt: Dafür brauchen Sie einen reichen Spender.
Hubertus Gaßner: Ja


Hamburger Abendblatt: Sie sind optimistisch, dass er sich finden wird?
Hubertus Gaßner: Ja, nur Zuversicht hilft. Das ist aber auch die einzige Rettung für das Haus.


Hamburger Abendblatt: Wie meinen Sie das?
Hubertus Gaßner: Wenn wir mithalten wollen mit den anderen großen Museen in Deutschland, müssen wir auch baulich etwas tun. Viele andere Häuser investieren ja. So bekommt zum Beispiel das Städel in Frankfurt jetzt ein neues Gebäude für aktuelle Kunst.


Hamburger Abendblatt: Sie zeigen dagegen im Herbst mit Jakob Philipp Hackert in der Galerie der Gegenwart einen Künstler des 19. Jahrhunderts. Wird damit die eigentliche Bestimmung dieser Galerie nicht konterkariert?
Hubertus Gaßner: Nein, das sehe ich ganz anders. Ich möchte vielmehr eine stärkere Verzahnung der Sammlungs- und Ausstellungsbereiche erreichen. Wir zeigen ja schon immer im Altbau Gegenwartskunst. Warum sollte man also nicht im Ungers-Bau auch einmal alte Kunst zeigen? Gleichzeitig möchte ich damit erreichen, dass sich auch das Publikum mehr mischt und die Besucher des Altbaus auch die Galerie der Gegenwart für sich entdecken. Außerdem sieht man die Kunst der Vergangenheit ohnehin mit den Augen der Gegenwart. Deshalb ergänzen wir die Hackert-Ausstellung mit einer eigenes dafür geschaffenen Werkgruppe des Malers Heribert C. Ottersbach. So etwas will ich künftig auch fortsetzen.


Hamburger Abendblatt: Für Caspar David Friedrich war Hamburg nach Essen die zweite Station. Mark Rothko war auch vor Hamburg schon in München zu sehen. Ist das nicht ein Problem für die überregionale Wahrnehmung der Kunsthalle?
Hubertus Gaßner: Die Reihenfolge hängt mit freien Terminen zusammen und stellt überhaupt keine Wertung oder Rangfolge der Häuser dar. Es hätte auch umgekehrt sein können. Außerdem sind die Städte weit genug voneinander entfernt, sodass wir uns auch gegenseitig keine Besucher wegnehmen.


Hamburger Abendblatt: Wann wird die Galerie der Gegenwart wieder einen Kurator haben?
Hubertus Gaßner: Im September wird die Stelle besetzt werden. Wir hatten 90 Bewerbungen und sind jetzt in den Abschlussgesprächen. Im Mai werden wir den neuen Kurator/die neue Kuratorin vorstellen.


Hamburger Abendblatt: In Ihrem ersten Abendblatt-Interview haben Sie die "Lange Nacht" der Museen als Eventschleuder bezeichnet. Bleiben Sie dabei?
Hubertus Gaßner: Das ist meine Meinung. Die Kunsthalle beteiligt sich natürlich am 26. April, ich halte aber die "Lange Nacht" für ein Auslaufmodell. Meiner Ansicht nach hat sich die Sache totgelaufen. Das hat man schon in den letzten Jahren gemerkt. Wir sollten uns etwas Neues einfallen lassen.