Das Coburger Modell - Trauerspiel im Spartheater

Hamburg. Vielleicht hätte Dieter Gackstetter das mit den Tänzern lieber für sich behalten sollen. Als Gackstetter, Intendant des Coburger Landestheaters, von Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) gefragt wurde, wie man dem Defizit des Dreispartenhauses beikommen könnte, schlug Gackstetter, ein Ex-Tänzer, vor, man könne das zehnköpfige Ballett-Ensemble auf sechs Personen reduzieren und im Bedarfsfall Gasttänzer anheuern. Flotte Idee, aber - zu kurz gesprungen. Denn der 2004 umgesetzte Sparvorschlag, vom OB später als "Taschenspielerei" verbellt, verschlang durch den Anstieg beim Gäste-Etat letztlich noch mehr Geld als die vorangegangene Misere. Das Drei- hatte sich so selbst zum Zweispartenhaus heruntergespart, es folgte ein langwieriges Hauen und Stechen zwischen Landestheater und Rathaus über Zuschüsse und Zuständigkeiten. Das Coburger Modell demonstriert, was passiert, wenn Sparzwänge und kulturpolitischer Dilettantismus die Hauptrollen in einem Trauerspiel übernehmen.

In Operetten und Musicals der laufenden Saison durfte sich das Publikum zuletzt die Tanzszenen denken. Eine von vielen hübschen Szenen aus der fränkischen Provinz, die nun, nach viel Theaterdonner unter reger Selbstblamierung der meisten Beteiligten, zu einem Ende mit Schrecken geführt haben. Gackstetter wurde Mittwoch fristlos gekündigt. Vor dem Scherbenhaufen steht Detlef Altenbeck, jener Oberspielleiter, der mit Gackstetter kam und als Interims-Chef retten soll, was noch zu retten ist. Richten soll es "Unterhaltungstheater", eventuell mit einem Musical. Das Abo-System soll modernisiert werden, es soll mehr für Kinder und Jugendliche geboten werden. Was man halt so sagt in solchen Momenten.

"Wir mussten die Reißleine ziehen", wurde Kastner zitiert. Wohl und Weh des Theaters ist in Coburg Chefsache; der OB ist auch Chef des Theaterausschusses, der Gackstetter einstimmig den Chefsessel vor die Tür stellte. Pikanterweise ist der oberste Ankläger also auch einer der Mitschuldigen.

Das jetzige Elend nahm 2001 seinen Anfang. Gackstetter wurde engagiert, um das schlingernde Dreispartenhaus wieder auf Kurs zu bringen. Anfangs sah es danach aus, als ob ihm das gelingen würde. Solide Inszenierungen, zufriedene Zuschauer. Die "Sekretärinnen" à la Wittenbrink brachten es auf mehr als 20 000 Besucher.

Die Freude war so groß beim Theaterausschuss, dass man 2003 den Vertrag des damals 64-Jährigen um acht Jahre verlängerte.

Nach einer schweren Krebserkrankung vor drei Jahren erholte sich der Intendant wieder. Sein Haus jedoch kränkelte zunehmend. Besucherzahlen bröckelten, die Stimmung kippte. Den Intendanten verließ das Planungsglück und wohl auch die Gestaltungslust. "Momo" bescherte als Weihnachtsmärchen kein volles Haus, sondern leere Plätze, weil es zu schwierig für kleinere Kinder gewesen sei, hieß es. Auch die Idee, Zimmermanns Widerstands-Oper "Die Weiße Rose" direkt nach Weihnachten spielen zu wollen, ging nach hinten los.

In der letzten Spielzeit hatte das Haus eine Auslastung von 65,1 Prozent. OB Kastner fand das "unterirdisch". Der erste Warnschuss der Politik kam im November, als Gackstetter ein verlangtes "Zukunftskonzept" vorlegte, das alles andere als überzeugend gewesen sein soll. Rücktrittsforderungen überhörte er.

Nun ist das Kind im Brunnen, an dem der Oberbürgermeister mitgebaut hat. Altenbeck und sein Generalmusikdirektor Alois Sedlmeier stricken mit heißer Nadel am Spielplan für die nächste Saison, denn den hat der bisherige Chef wohl nur lückenhaft hinterlassen. Gackstetter hat seinen Schreibtisch geräumt, die Schlüssel abgegeben. Äußern mag er sich nicht. Warum auch? Pacta sunt servanda, wussten schon die Römer, Verträge sind zu erfüllen. Gackstetter hat einen, bis 2011. Die Coburger Kontrahenten dürften sich bald vor dem Arbeitsgericht wiederbegegnen. Klingt nach hoch dotiertem Spazierengehen.