Harrys Finale: Bitte selber lesen . . .

Ich bin kein Potter-Verräter!

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Lutz Wendler

Hamburg. Magie hat dieses Foto nicht, eher den Charme einer selbst gestrickten Ebay-Präsentation à la "mein erstes digitales Foto im Netz": Auf einer strapazierfähigen Auslegeware liegt ein aufgeklapptes Buch. Die Spitzen der Langfinger, die den Band offen halten, ragen ins unscharfe Foto - oder besser in die Fotos hinein, denn es folgen 379 weitere Doppelseiten.

Das Aufregende am bescheiden inszenierten Stillleben, das an betagte Spionagefilme erinnert, ist der Inhalt des Buches, denn dem Anschein nach wurde "Harry Potter and the Deathly Hallows" in der US-Ausgabe des Verlags Scholastic von Dieben vor dem Erstverkaufstag Seite für Seite fotografiert und online gestellt. Womit das bestgehütete Buchgeheimnis schon vor dem Erscheinen des finalen Bandes 7 morgen auf dem Informationsmarkt ist.

Doch wer will alles sofort wissen, ohne es selber erlesen zu haben? Zwanghaft Neugierige? Small Talker? Spielverderber? Oder Menschen, die mit Informationen handeln? "Ich bin kein Schlussverräter!" steht auf einem T-Shirt, das der Carlsen-Verlag extra für Journalisten hat drucken lassen. Der deutsche Potter-Verlag hat das Problem, dass die Story von "HP VII" längst im Umlauf ist, wenn die deutsche Übersetzung am 27. Oktober erscheint. Den Inhalt der Geschichte diskret zu behandeln ist auch eine Frage des Respekts vorm Lesen. Die Potter-Bücher verfügen über einen wirksamen Fesselzauber, weil sie neben dem abenteuerlichen Plot eine überraschende Dramaturgie haben und mitdenkende Leser ernst nehmen, denn die Autorin hat viele Spuren gelegt. Spekulieren über den Fortgang ist erlaubt, Geheimnisse verraten nicht: Das eine ist Lesen mit Köpfchen, das andere Klatsch.

Es geht beim Erzählen ums Wie. Literatur wirkt selten durch die Story, die sich auf dürre Fakten reduzieren ließe. Insofern wissen wir nur wenig über gute Bücher, wenn wir ihren Ausgang erfahren. Das wäre nämlich so, als würde Ihnen jemand vertraulich verraten, dass Emma Bovary sich in Flauberts Roman vergiftet, weil ihr Leben ausweglos geworden ist. Und das Ende der Buddenbrooks? Thomas und Hanno sterben auf profane Art. Aber bitte erzählen Sie's niemandem, der den Roman noch lesen will! Sie könnten ihm die Spannung verderben.