Auszeichnung: "Ein Lehrbeispiel für engagierten Journalismus"

Wächterpreis für das Abendblatt

Marion Girke und Christian Denso werden für ihre Artikel über den Fall der Thea Schädlich mit dem renommierten Medienpreis geehrt.

Hamburg. Diese Nachricht elektrisierte die Redaktion gestern: Der renommierte Wächterpreis der Tagespresse geht in diesem Jahr an das Hamburger Abendblatt. Die Kollegen Marion Girke und Christian Denso werden mit dem Ersten Preis ausgezeichnet für ein "Lehrbeispiel für engagierten Journalismus und erstklassige Recherche", wie die Stiftung der Presse mitteilte. Der mit 12 000 Euro dotierte Preis wird am 15. Mai im Kaisersaal des Frankfurter Römers verliehen.

Die Kollegen hatten in einer Artikelserie über den Fall der 68 Jahre alten Thea Schädlich berichtet, die auf Antrag einer Behörde unter rechtliche Betreuung gestellt worden war. Gegen alle Widerstände hätten Marion Girke und Christian Denso deutlich gemacht, dass hinter dem skandalösen Einzelfall grobe Missstände im Betreuungswesen stünden, erklärte die Jury.

Und so begann der "Fall der alten Dame": Am 8. Februar vergangenen Jahres stand Thea Schädlich plötzlich vor dem Schreibtisch von Reporterin Marion Girke in der Redaktion der "Pinneberger Zeitung", einer der vier Regionalausgaben des Abendblattes. Thea Schädlich trug einen nicht mehr ganz neuen, blauen Anorak und zog einen "Hackenporsche" hinter sich her, der vom Schnee nasse Spuren auf dem Teppichboden hinterließ. Die alte Dame mit den weißblonden Haaren, die wegen einer Gehbehinderung humpelt und einen Stock benötigt, erzählte eine unglaubliche Geschichte. Dass sie ihr Haus in Kummerfeld (Kreis Pinneberg) von einem Tag auf den anderen nicht mehr betreten durfte. Dass die Gemeinde dieses 7500 Quadratmeter-Grundstück schon immer haben wollte, um es zu bebauen. Und dass sie es ihr nun weggenommen hätte mit Hilfe von Betreuern, die sie nur wenige Male zu Gesicht bekommen habe.

Kaum ein Thema hat in den vergangenen Jahren im Abendblatt so viel Platz bekommen wie dieses, das in der "Pinneberger Zeitung" seinen Anfang nahm. Wohl niemand ahnte anfangs, dass das Schicksal der "alten Dame" die Leser derart bewegen wird. Es dauerte Stunden, bis Thea Schädlich an jenem 8. Februar ihre Geschichte erzählt hatte. "Ich habe zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen geschwankt", erinnert sich Marion Girke, studierte Juristin und erfahren im Recherchieren menschlicher Schicksale. Kann in unserem Rechtsstaat etwas überhaupt so dermaßen schieflaufen? Oder fühlt sich mal wieder jemand zu Unrecht von der ganzen Welt verfolgt? Schon beim ersten Treffen mit dem Anwalt von Thea Schädlich war jedoch klar: Die Fakten der Geschichte stimmten. Mitentscheidend für die hartnäckige Recherche schon nach den ersten Artikeln: Der Zuspruch der Leser mit einer alle Reaktionen einenden Aufforderung an die Redaktion: "Lassen Sie sich nicht unterkriegen, machen Sie weiter so!"

Denn es gab eine neue Wendung: Von Mitte März an, nach weiteren Artikeln, versuchte einer der zwei Betreuer die gesamte Berichterstattung zu verbieten. Zunächst mit Erfolg - in Form von Einstweiligen Verfügungen: Es durfte nicht mehr identifizierend über den Fall berichtet werden. Als Reaktion entschied das Abendblatt, künftig über den Fall Schädlich im Haupt-Blatt zu berichten - um zu verdeutlichen, wie wichtig uns die Geschichte ist. Mit Christian Denso wurde ein langjähriger Polizeireporter hinzugezogen, der Erfahrung in presserechtlich vermintem Gelände mitbrachte. Es folgte der Kampf der Thea Schädlich um ihr Recht, vom Abendblatt investigativ begleitet. Dabei feilten Reporter und Chefredaktion jeweils bis kurz vor Andruck gemeinsam mit der Rechtsabteilung an den Formulierungen. Und dann begannen auch andere Medien, über Thea Schädlich zu berichten: Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" wie auch "Spiegel Online", die "Kieler Nachrichten", die "Süddeutsche Zeitung" und das NDR-Medienmagazin "Zapp". Die Staatsanwaltschaft begann zu prüfen, ob in der Sache ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Im Landtag in Kiel kam der Fall auf die Tagesordnung, auch in der Hamburger Bürgerschaft. Die Reporter schrieben fortan zusätzlich auch über andere, ähnlich gelagerte Fälle, befragten Vormundschaftsrichter, Betreuer und Anwälte von Betroffenen und recherchierten, wo es hakt bei der Betreuung in Deutschland: "Bis zu 1000 Fälle pro Richter - ist das noch Fürsorge?" Bei einer Telefonaktion hatten die Leser Gelegenheit zu Fragen - und nutzten sie ausgiebig.

Letzter Stand: Ein Gericht hat den Vertrag über den Verkauf des Hauses der alten Dame vor Kurzem für ungültig erklärt. Thea Schädlich, die mittlerweile von zwei Betreuern ihres Vertrauens vertreten wird, kann das Grundstück jetzt von der Gemeinde zurückverlangen.