Im Bordell aufgewachsen

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Bettina Brinker

Kalkutta: Ein Blick hinter die Kulissen des Rotlichtmilieus. Die Fotografin Zara Briski hat das Leben indischer Prostituierten-Kinder dokumentiert und ein kreatives Förderprojekt initiiert.

Dokumentarfilm: Im Bordell geboren. So, 21.15 Uhr 3sat

"Du kostest mich 300 Rupien im Monat. Die verdien jetzt mal!" Sätze wie diese sind in Kalkuttas Rotlichtmilieu keine Seltenheit. Mit diesen Worten schicken Mütter ihre elfjährigen Töchter oftmals auf den Strich. Die Kinder dort nehmen ihr Schicksal mit einem erschreckenden Fatalismus hin: "Man muß einsehen, daß das Leben traurig und schmerzhaft ist. Dann geht's", sagt eines.

Die New Yorker Fotografin Zana Briski, die nach Kalkutta gereist war, um den Alltag der Prostituierten zu dokumentieren, hat besonders das gleichgültige, perspektivlose und brutale Leben der Kinder dieser Frauen bestürzt. Und so fotografierte sie am Ende nicht die Mütter, sondern lehrte die Kinder den Umgang mit der Kamera. Sie wollte die kreativen Neigungen in ihnen wecken, um sie hierdurch aus dem Bordellmillieu herauszuholen.

Zwölf Kinder wählte Briski aus. Ihre 10- bis 13jährigen Schüler erwiesen sich nicht nur als sehr talentiert. Sie begannen auch, sich und ihre Umgebung aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Sie lernten das Leben außerhalb des Milieus und somit alternative Lebensformen kennen, waren stolz, etwas Eigenes zu haben, fingen an zu träumen.

Die Wandlung der indischen Kinder und ihre Identitätsfindung dokumentierte Briski gemeinsam mit ihrem Co-Regisseur Ross Kauffman in einem Dokumentarfilm: "Im Bordell geboren" wurde 2005 mit dem Oscar für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. "In Amerika war der Film sehr erfolgreich, über eine Million Zuschauer sahen ihn dort im Kino", erläutert Thomas Schreiber, Kulturchef beim NDR. Er kaufte die Rechte in Cannes. Am Sonntag ist der Film zunächst auf 3sat zu sehen, weitere Ausstrahlungstermine in der ARD und den Dritten Programmen sind geplant. "Wenigstens in Deutschland sollen die Menschen diesen Film sehen können. In den Staaten und in Indien ist es nicht erlaubt, den Film im TV zu zeigen. Die Verantwortlichen haben die Darstellung als zu kraß empfunden."

Eine unverständliche Entscheidung, schließlich zeigt Briski auch Wege aus dem Elend. Denn ihr Engagement geht noch weiter. Sie hat sich der fast aussichtslosen Aufgabe gestellt, die Kinder in Internaten unterzubringen, sich durch die indische Bürokratie gekämpft, Ausstellungen mit Fotografien der Kinder in New York und Kalkutta organisiert. Die Arbeiten wurden bei Sotheby's versteigert und im Jahreskalender von Amnesty International abgedruckt.

Auch wenn sie ursprünglich keinen Film geplant hat, ist Briski jetzt froh, daß sie ihn gemacht hat und er eine so hohe Anerkennung fand. Mit dem eingespielten Geld kann die 2002 gegründete Non-Profit-Organisation "Kids with Cameras" weiterkämpfen. Nicht nur in Indien.

Ähnliche Arbeitsgruppen werden derzeit in Kairo, Jerusalem und auf Haiti aufgebaut. Die Kalkutta-Kinder fungieren als Botschafter. Was der Film noch nicht verraten konnte: Avijit hat ein Stipendium bekommen und geht heute auf eine High School in den USA.

( bbr, hpvh, dpa )