"Nichts geändert, nur komprimiert"

Buddenbrooks: Thomas Manns Werk am Thalia. Wie bringt man den Jahrhundertroman auf die Bühne? Ein Gespräch mit John von Düffel.

Es gibt leichtere Aufgaben, als Thomas Manns "Buddenbrooks" auf die Bühne zu bringen. Auf mehr als 700 Seiten erzählt der 1901 erschienene Roman vom Verfall der großbürgerlichen Kaufmannsfamilie, er beschreibt eine Vielzahl von Personen und berührt komplexe Themen. Anderthalb Jahre hat John von Düffel, Dramaturg am Thalia-Theater und Romanautor ("Vom Wasser", "Houwelandt"), an der Bühnenfassung gearbeitet. Am 3. Dezember hat sie in der Inszenierung von Stephan Kimmig Premiere.

ABENDBLATT: Herr von Düffel, haben Sie nach anderthalb Jahren Arbeit überhaupt noch Lust, über "Buddenbrooks" zu sprechen?

JOHN VON DÜFFEL: Ja, denn es war eine sehr glückliche Zeit. Diese Arbeitserfahrung gehört zu den reichsten, die ich je gemacht habe. Sie geht weit über eine künstlerische Beschäftigung hinaus. Der Roman berührt viele intime Seiten und ist wahrscheinlich auch deshalb für viele Leute das persönliche Lieblingsbuch.

ABENDBLATT: Wer hatte die Idee zu einer Bühnenfassung?

VON DÜFFEL: Stephan Kimmig interessierte sich schon seit einiger Zeit für "Buddenbrooks", was natürlich im Zusammenhang mit seinen Inszenierungen von "Nora" , "Hedda Gabler" oder "Das Fest" steht. Das sind alles bürgerliche Psychologien. Und so unkonventionell wir manchmal tun - wir sind doch alle mehr oder weniger Bürgerstöchter und Bürgerssöhne. Insofern haben sowohl Kimmig als auch ich eine starke Affinität zu dem Stoff.

ABENDBLATT: Und warum muß man diesen Stoff gerade heute erzählen?

VON DÜFFEL: Neben den bürgerlichen Strukturen und Werten gibt es in dem Roman noch ein zweites wichtiges Thema, nämlich das ökonomische Denken. Es wird ständig gerechnet, denn die Familie mißt ihr eigenes Befinden immer an dem Wert der Firma, und deren Interessen stehen über allem, auch über dem privaten Glück. Letztlich ist das eine Situation, die wir heute haben. Ob wir jetzt in einer Phase der Depression leben oder nicht, die Angst vor dem Abstieg ist allgegenwärtig.

ABENDBLATT: Der Roman ist in jeder Hinsicht ein ganz schöner Brocken. Wie läßt der sich dramatisieren?

VON DÜFFEL: Man kann ihn nicht auf die Bühne übertragen. Man kann aber die Figuren lebendig werden lassen, und dadurch hat man den Puls des Romans.

ABENDBLATT: Nun gibt es aber sehr viele Figuren. Allein die Familie Buddenbrook wird über vier Generationen, von dem alten Firmengründer Johann Buddenbrook bis zu Hanno, dem hochsensiblen Erben, begleitet.

VON DÜFFEL: Mir war schon beim ersten Lesen klar, daß eine Bearbeitung bei den drei Geschwistern Tony, Thomas und Christian ansetzen muß. Sie sind die komplexesten Figuren, die charakterlich das größte Spektrum ausmachen und emotional am stärksten aufgeladen sind. Natürlich sind die Eltern und auch Hanno relevant. Aber bei uns geht es um die drei Geschwister. In deren Schicksal verdichtet sich der ganze Roman.

ABENDBLATT: Dennoch werden auch diesen Figuren Hunderte von Seiten gewidmet.

VON DÜFFEL: Aber im Unterschied zur episch breiten Erzählung kann das Theater alles auf den Augenblick komprimieren. Die Physis, Gestik und Mimik der Schauspieler sowie eine Reihe anderer Elemente erzählen in dem Moment ja auch etwas. So bleiben von einem 20seitigen Gespräch manchmal nur noch zwei Sätze übrig, und trotzdem wird das gleiche ausgedrückt. Ich habe an Thomas Manns Sprache nichts geändert, ich habe nur komprimiert.

ABENDBLATT: Der Roman erzählt jedoch auch viel von dem, was im Inneren der Figuren abläuft.

VON DÜFFEL: Das ist in der Tat ein Problem bei Bühnenfassungen, denn eine Innenschau kann man nicht liefern. Da muß man dem Zuschauer durch das Bild oder die Situation ein Zeichen geben, und er muß sich die Innenräume dann selber aufschließen. Da gibt es bei dieser Bearbeitung ein gewisses Vertrauen. Weil ja die bürgerlichen Strukturen nach wie vor präsent sind und auch das ökonomische Denken, das den Roman auch sehr stark prägt, heute sogar präsenter ist denn je, gibt es für den Zuschauer unheimlich viel wiederzuerkennen.

ABENDBLATT: Wie wird Hanno besetzt?

VON DÜFFEL: Nach einem Kindercasting haben wir jetzt drei Hanno-Darsteller. Es war übrigens enorm, wie viele Eltern ihre Kinder ins Theater gebracht haben und wieviel dann diese mit der Figur zu tun hatten. Es gibt tatsächlich diese zarten 11- und 12jährigen Jungen, die wir gesucht haben. Hannos Zartheit ist ganz wichtig, gerade auch im Zusammenhang mit der Grausamkeit seines Vaters Thomas, die sich zum Beispiel zeigt, als Thomas ihn beim 100. Firmenjubiläum zwingt, das Gedicht aufzusagen. Das tut nur richtig weh, wenn es ein Kind ist.

ABENDBLATT: Wie gehen Kinder mit der Bühnensituation um?

VON DÜFFEL: Unglaublich naiv. Sie machen in aller Naivität das, was Schauspieler auf großen Umwegen wieder erlernen, also auf der Bühne weitgehend auf den Partner zu reagieren und zu vergessen, daß man in einem 1000-Plätze-Theater spielt. Was allerdings passiert, wenn der Saal tatsächlich voll ist, wird man sehen müssen. Doch selbst wenn die Kinder verschreckt wären, würde es immer noch etwas über die Figur erzählen, weil die Angst ein großer Teil von Hanno ist.

ABENDBLATT: Wie stehen Sie selbst zu Hanno?

VON DÜFFEL: Hanno ist das Kind, das man in sich trägt. Für Thomas, der sein inneres Kind die ganze Zeit über bekämpft und auf den Kaufmannsberuf gedrillt hat, ist es das brutalste zu erleben, daß ihm auf einmal dieser Sohn geboren wird, der genau das ist: schwach, ängstlich - all das, was er immer unterdrückt hat, steht auf einmal vor ihm. Das ist schon genial. Diese Verschwörung der Schwäche, die auch in diesem Roman zu finden ist - die Schwäche läßt sich nicht unterdrücken, sie kommt immer wieder an anderer Stelle.

ABENDBLATT: Die zunehmende Schwäche bedeutet aber den Verfall der Familie.

VON DÜFFEL: Für Thomas Mann war der Verfall nicht nur Abstieg. Er bedeutete ja auch eine Verfeinerung in der Zunahme von Sensibilität. Das Ironische, und da hat er unser System im Sinne einer Kapitalismus-Archäologie gut beobachtet, ist, daß man sich in diesem System nur einen gewissen Grad an Sensibilität leisten kann. Ab dem Punkt, wo die Verfeinerung zu weit geht, wird sie zum Hindernis.

ABENDBLATT: Die Sensibilität hat also auch eine Qualität.

VON DÜFFEL: Wieviel Verlust wäre gewesen, wenn Tony, Thomas und Christian perfekt funktioniert hätten? Das wäre wieder eine Tragödie, weil soviel von ihnen abgestorben wäre.

ABENDBLATT: Haben Sie eigentlich eine persönliche Lieblingsfigur?

VON DÜFFEL: Ich spüre bei mir eine Nähe zu allen drei Geschwistern. Tony ist für mich die lebendigste, emotionalste Figur, aber sicherlich bin ich sie von der Biographie her am wenigsten. Thomas bin ich vielleicht in gewisser Weise, weil ich auch funktioniere. Und Christian bin ich vielleicht auch, weil ich als Künstler immer versuche, mit einem Bein nicht im System zu sein.