Heute diskutiert er mit den 68er Enkeln

1968 und die Folgen (Serie) - Der Psychoanalytiker berichtet. Horst-Eberhard Richter war immer mittendrin - und betreut inzwischen ehemalige RAF-Mitglieder.

Hamburg. Er konnte ihnen nicht entkommen, den 68ern. Als Vater dreier Kinder, von denen zwei in die Protestszene an der Uni Gießen hineingewachsen waren, und als Professor an der Uni Gießen "mußte ich mich damit auseinandersetzen", erinnert sich der Mediziner und Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (82). Von den Studenten wurde der damals 45jährige, der nach Alexander Mitscherlich den zweiten Lehrstuhl für Psychosomatik innehatte, kritisch beäugt, heftig befragt. Das hat seinen Lebensweg bis heute mitgeprägt.

Die Kritik der Studenten sei gedämpft gewesen, urteilt Richter rückblickend, obwohl er zu den aufgeschlosseneren Professoren zählte. Denn, so paradox es klingt, die Studenten haben sich oft viel intensiver mit liberalen und demokratischen Professoren beschäftigt als mit rechtskonservativen Gelehrten. "Die liberaleren Professoren waren ihnen eher im Wege, weil diese sie hinderten, ihre Aggression blind auszuleben."

Gleichwohl sei der Protest positiv gewesen. Mehr als 20 Jahre hätte es die ältere Generation geschafft, den großen geistigen Umbruch zu vermeiden, der nach 1945 fällig gewesen wäre, urteilt Richter. Die junge Generation durchbrach mit ihrer Rebellion den Schleier des (Ver-)Schweigens. Alte Nazis in Führungspositionen von Politik, Justiz, Militär und Medizin, autoritäre Strukturen und Verlogenheit in Familie, Schule und Hochschule oder der Vietnam-Krieg - all das rief den Protest hervor. Die zunächst an den Unis entstandene Bewegung gegen den "Muff von 1000 Jahren unter den Talaren" begehrte schließlich gegen die Gesellschaftsstrukturen in den westlichen Staaten auf. "Es war vor allem ein Ausbruch emotionaler Impulse. Es gab zunächst eine Stimmung, in der differenziertes, reflektiertes Denken nicht mehr gefragt war", so Richter. Jede Diskussion verwandelten die Rebellen in eine Anklage, sie wollten sich mitnichten wirklich auseinandersetzen, auch wenn sie das immer wieder behaupteten.

Richter schätzte die emanzipatorischen Visionen der 68er, "aber nicht die verworrenen Revolutionsideen". Entschieden versuchte er, die Radikalen von diesem Weg abzubringen. Einige nahmen wieder Vernunft an. Beispielsweise nahezu alle der 40 Studenten und Studentinnen, mit denen Richter in der Gießener Obdachlosen-Siedlung "Eulenkopf" eines der ersten sozialen Projekte in Deutschland startete. Etwa ein Drittel habe zunächst geschwankt, ob sie aus dem Projekt wieder aussteigen sollten. Sie fragten sich, ob sie mit ihrer Arbeit das System nicht doch stabilisierten. "Denn in ihrer Selbstwahrnehmung glaubten sie, moralisch zu versagen, wenn sie die Leute des Obdachlosengebietes nicht für die Revolution gewinnen konnten", so Richter. Diese Zweifler waren gefährdet, in die Militanz abzugleiten. "Wir haben nächtelang zusammengesessen, und ich habe ihnen immer wieder klargemacht: Wenn sie wirklich den Benachteiligten in einem Ghetto mit 150 Familien und etwa 400 Kindern helfen wollen, dann müssen wir diese Menschen erst einmal so stärken, daß sie überhaupt fähig werden, sich in der Gesellschaft zu Wort zu melden. Sonst können wir keine Gesellschaft aufbauen, die sozialer und gerechter ist. Wenn wir jetzt weggehen, dann lassen wir sie genauso im Stich, wie die Gesellschaft sie bisher im Stich gelassen hat. ,Wollt ihr das auf euch nehmen?'"

Die schlaflosen Nächte zahlten sich aus. Die meisten Studenten radikalisierten sich nicht weiter. Vielleicht auch, weil viele von ihnen soziale Berufe anstrebten, Pädagogen, Mediziner oder Psychologen werden wollten. "Sie brachten eine soziale Motivation mit und waren daher eher geschützt vor Gewalt und Radikalisierung als diejenigen, die sich nur mit Gesellschaftskritik pur befaßten", vermutet Richter. Eines zumindest ist gewiß: Die sozial engagierten Menschen waren die Keimzellen für eine neue Sozial-, Gesundheits- und Gesellschaftspolitik sowie für die großen sozialen Bewegungen der folgenden Jahre. Aus ihnen formte sich Ökologie-, Frauen- und Friedensbewegung. Politisch legten sie die Basis für die Grüne Partei.

Die "Erben" der 68er Bewegung mußten sich aber auch mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen. Wie keine andere Protestbewegung zuvor waren Teile der 68er Bewegung - oder muß man Bewegungen schreiben? - gewalttätig geworden. Nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 eskalierten die Unruhen in einem nie gekannten Ausmaß. Die folgenden Ostertage sahen "Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte", urteilte "Der Spiegel" damals.

In der Anfangszeit sei es mit den aktiven Studenten durchgegangen, so Richter. Da hätten nur noch die Radikalen den Ton angegeben, getrieben von einer sterilen antiautoritären Verbitterung. Wer sagte, wir können mehr Demokratie und Gerechtigkeit auch mit sozialen Reformen machen, wurde mitleidig belächelt. Der revolutionäre Flügel setzte mehr und mehr auf Gewalt, ein Teil landete schließlich bei der RAF. Bei diesen Mitgliedern vollzog sich die von Freud beschriebene Reaktion der Wahnbildung. Der "Realitätssinn" wurde durch eine paranoide Wunschwelt ersetzt, durch den blinden Glauben an die siegreiche Revolution, von der sich die Mehrheit der 68er längst verabschiedet hatte.

Diese Wunschbilder entstanden auch, "weil die aufrührerische Jugend intellektuelle Vorbilder hatte", erinnert sich Richter und zitiert Hans Magnus Enzensberger von 1967: "Das politische System der Bundesrepublik ist jenseits aller Reparatur." Und Martin Walser pflichtete ihm damals bei: "Wer die Evolution wirklich will, muß die Revolution betreiben." Das lieferte den aufgebrachten Jugendlichen "Argumente". Die Warnungen beispielsweise des Soziologen Jürgen Habermas 1968, es gäbe gar keine revolutionäre Stimmung, wurden hingegen scharf kritisiert.

Der Psychoanalytiker Richter betreut heute ehemalige RAF-Mitglieder. "Natürlich kann man diese Menschen nicht dafür entschuldigen, was sie damals getan haben, oder es gar verherrlichen. Es ist furchtbar, was sie getan haben." Aber man müsse zu verstehen trachten, was in ihnen abgelaufen sei. Denn Vorgänge begreifen zu wollen bedeute schließlich nicht, die grausamen Taten gutzuheißen. Den Psychoanalytiker, einer der Pioniere der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie, interessiert: Welche Familiengeschichte steckt dahinter? Dieser Frage ging Richter bereits in seinem ersten Buch "Eltern, Kind und Neurose" nach. In ihm beschreibt er, wie Eltern ihre Kinder unbewußt in Rollen drängen und von ihnen die Lösung eigener Konflikte erwarten. Das Buch, das 1963 zum ersten Mal erschien, wurde zur Pflichtlektüre in den Kinderläden und der gesamten sozialen Bewegung - und rückte Richter erstmalig ins Rampenlicht, machte ihn zum Idol eines Teils der 68er Bewegung.

Diese Zeit, so Richter, werde viel zu oft immer noch in Schwarzweiß gemalt. Wer wirklich mehr über diese Phase der deutschen Geschichte wissen wolle, komme an dem Buch des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nicht vorbei.

Richter ist bis heute aktiv. Mit den "Enkeln" der 68er wirbt er für die Ziele der humanistischen Friedensbewegung und globalisierungskritischen Bewegung Attac - wie immer mit viel Diskussionen und ganz ohne Gewalt.