Vom Trieb beherrscht, von der Zeit überholt

Harald Falckenberg möchte seine "Persönlichkeitsrechte wahren. Hahaha."

Hamburg. Er entspricht nicht dem Wunsch des Fotografen, sich vor einen dieser Filme zu plazieren, auf dem nackte Frauenkörper mit Blut und Kot beschmiert, anschließend mit Mehl und Asche bestäubt werden und - schon als Mensch nicht mehr zu erkennen - noch eine Rose in den Hintern gesteckt kriegen. Persönlichkeitsrechte?

In Wien, wo das Museum für Angewandte Kunst (MAK) voriges Jahr die Retrospektive des Werks von Otto Mühl (80) zeigte, gab es massive Proteste. Immerhin ehrt sie einen Mann, der sechseinhalb Jahre wegen Kindesmißbrauchs und Vergewaltigung im Gefängnis saß. Harald Falckenberg hat damit kein Problem. Er hat die Schau vom MAK übernommen und zeigt die Sudelei jetzt in den Räumen der Kulturstiftung Phoenix/Sammlung Falckenberg unter dem Titel "Otto Mühl. Retrospektive. Jenseits von Zucht und Ordnung". Bewußt klammert die Schau die Zeit der "Kommune Friedrichshof" (1971-1990) aus.

Als Guru von rund 600 Mitgliedern verübte Mühl hier Verbrechen, derentwegen er 1991 verurteilt wurde. Der Schwerpunkt in Hamburg liegt auf den 60er Jahren. Der Zeit, als die Wiener Aktionisten, zu denen Otto Mühl gehörte, mit blutig-exzessiven Vorstellungen die bürgerliche Gesellschaft attackierten. Anders als im MAK sind hier neben rund 200 Bildern, Zeichnungen und Fotos auch 18 Filme zu sehen, die solche Aktionen dokumentieren. "Im Museum können diese Filme wegen der Aggression nicht gezeigt werden", erklärt Falckenberg. "Dies jedoch ist eine Privatsammlung, kein öffentlicher Raum."

Aber muß man überhaupt stolz sein, solche Filme erstmals und eben doch öffentlich zu zeigen? Interessieren diese infantilen Matschespielchen heute noch? Peter Noever, Direktor des MAK, räumt ein, daß hier "viel Banalität und Naivität im Spiel" ist. Aber wie auch Harald Falckenberg ist er der Meinung, daß "der Wiener Aktionismus eine der wichtigsten Kunstrichtungen der Nachkriegszeit" ist. Darüber kann man streiten. Es mag Leute geben, die jene Zurschaustellung von Haß und Gewalt als Ausrutscher der Kunstgeschichte werten, die außer dem Kunstbegriff auch die Psychoanalyse mißbraucht. Otto Mühl, Hermann Nitsch, Günter Brus und Rudolf Schwarzkogler beriefen sich damals auf die Lehre von Sigmund Freud. Das Triebhafte sollte erlebt werden. Vielleicht hatten es die Wiener Aktionisten damals wirklich nötig. Aber man könnte ihre menschenverachtenden Aktionen auch der Vergangenheit angehören lassen.

Phoenix Fabrikhallen/ Tor 2 , Wilstorferstr. 71, bis 18. 9. n. Vereinbarung (Tel. 32 50 67 62), Katalog 25 Euro.