Bis gar nichts mehr ging . . .

Lebenslauf: Die Weltklasse-Geigerin Midori hat die schlimmsten Tiefen durchlebt. Und eine beeindruckende Autobiographie geschrieben. Am Dienstag spielt sie in Hamburg.

Hamburg. Mit drei Jahren bekam sie ihren ersten Unterricht, auf einer winzigen Sechszehntelgeige und von ihrer Mutter, einer Geigerin in Osaka. Als sie elf war und wahrscheinlich unwesentlich größer als ein Geigenkasten, debütierte sie mit einem Satz aus dem 1. Paganini-Violinkonzert bei den New Yorker Philharmonikern. "Ich hatte noch nicht einmal die letzte Note gespielt, als mich eine Welle von Applaus überschwemmte", schrieb sie später darüber. Viel geschlafen hatte sie vor diesem Auftritt nicht. Aber nicht, weil sie nervös war. Ihr Vater war mit einem Küchenmesser auf sie und ihre Mutter losgegangen, weil er wollte, daß beide mit ihm nach Japan zurückkehren.

Mit 14 war ihre Nervenstärke Thema auf der Seite eins der "New York Times" - bei einem Konzert mit dem Boston Symphony Orchestra, das Leonard Bernstein dirigierte, war ihr eine Geigensaite gerissen. Sie griff sich einfach die Stradivari des Konzertmeisters, und als auch auf der eine Saite riß, die Guadagnini seines Pultnachbarn und beendete so den Auftritt. Danach fiel Bernstein vor ihr auf die Knie. "Mir ist bis heute nicht klar, was so spektakulär an diesem Auftritt gewesen ist", schrieb sie später darüber. Vier Jahre später, mit 18, gab sie ihr erstes Konzert in der Carnegie Hall.

Als sie 23 war und die "New York Times" berichtete, sie würde "auf Grund ungeklärter Verdauungsbeschwerden" eine Reihe von Konzerten absagen, las sie diese Nachricht in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt. "Das Leben war schrecklich. Ein Auftritt reihte sich an den nächsten, ohne Pause", erinnerte sie sich an die Zeit vor diesem ersten von fünf Klinikaufenthalten.

Mittlerweile ist Midori 33 Jahre alt, hat einen Universitätsabschluß in Psychologie und eine Schwäche für kleine Hunde. Sie unterrichtet an der New York University und an der Manhattan School of Music. Hat in New York und Japan Stiftungen gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Klassik an die öffentlichen Schulen in sozialen Problemzonen zu bringen, die sich regulären Musikunterricht nicht leisten können, und junge Japaner mit westlicher und einheimischer Klassik vertrauter zu machen. Und zählt, nach 22 Jahren im Profi-Business, unbestritten zu den besten Geigerinnen der Welt.

Nach wie vor? Trotz alledem? Oder wieder? Alles stimmt wohl, irgendwie, denn hinter der zierlichen Fassade des zur Frau gereiften Wunderkindes haben sich Dramen abgespielt, die für mehr als ein Leben reichen würden: Mit zehn der Umzug mit ihrer Mutter nach New York. Scheidung der Eltern. Virtuosen-Drill an der Juilliard School und eine rasante Karriere, umgeben von Kollegen, die ihre Eltern oder Großeltern hätten sein können. Als die Zwölfjährige ein Vorstellungsgespräch bei einem einflußreichen Künstleragenten hatte, sorgte ein zähes Lammkotelett dafür, daß dem kleinen, schüchternen Mädchen ein Schneidezahn ausfiel.

Der "innere Aufpasser", der sie ans Übepensum erinnerte, wurde unterdessen immer lauter. Nach jedem Konzert, nach jeder Plattenaufnahme, mit jeder jubelnden Kritik steigerte sich die Virtuosin in ihrem Zwang nach Perfektion. Ihr Autopilot war auf Bruchlandung programmiert. Die Sollbruchstelle war Mitte der 90er Jahre endgültig erreicht. Tablettensucht, Magersucht, Depressionen, Selbstmordgedanken. Das ganze Programm.

Es gab Tage, an denen sie an ihrem Körper Schnittwunden entdeckte und nur durch Nachdenken darauf kam, daß sie selbst sie sich beigebracht hatte. Es gab Tage, an denen sie sich am Arm oder auf der Stirn mit einem glühenden Shish-Kebab-Spieß verletzte. Eine der körperlichen Narben ist nach wie vor sichtbar. Die Musikerin Midori verschenkte jahrelang ihr Innerstes vor begeistertem Publikum, der Mensch Midori verlor sich im Erfolg. Spürte sich nicht mehr. Funktionierte nur noch. Bis der Strom ausfiel und nichts mehr ging. Bis sie sich in der Psychiatrie wiederfand. "Alles, was ich wollte, war schlafen und meine Tranquilizer. Der Rest war mir egal."

Die meisten Autobiographien klassischer Musiker sind so spannend wie ausformulierte Terminkalender. Hier gespielt, da bejubelt, dort mit Kollegen über andere Kollegen gesprochen und am Ende gern noch ein kleiner Heiligenschein aufs Werkverzeichnis. Je größer der Ruhm, desto vorhersehbarer der Kapitelablauf. Pflichtlektüre nur für beinharte Fans.

"Einfach Midori", die Ende letzten Jahres erschienene Zwischenbilanz ihres Lebens, fängt genauso fade an. Leerlauf auf Hochtouren. Je stärker die Karriereschübe, desto mehr wundert man sich, ob das denn wirklich schon alles sein kann. Der Tonfall ist nüchtern, dokumentierend, leblos fast. "Ich tat nichts als die Arbeit, die von mir erwartet wurde, und dafür wollte ich kein Lob. Es bedeutete mir nach einer Weile überhaupt nichts mehr, im Gegenteil."

Im Gespräch mit Midori ist von Wehleidigkeit oder Selbstmitleid keine Spur. Die Frau ist schnell, schlagfertig, hellwach. In der Antwort auf die Frage, wie schwer es war, die Schattenseiten der Weltkarriere zu beleuchten und den Kampf gegen den Druck von außen und innen zu gewinnen, schwingt fast ein Unterton von amüsierter Verwunderung mit: "Viele glauben, es sei schwierig gewesen, das alles zu schreiben. Aber ich schrieb über Zeiten, die für mich schwierig waren. Sie mögen das für Geständnisse halten. Ich nicht. Es ist eine Phase, durch die ich gegangen bin und aus der ich mich herausgearbeitet habe. Ich habe diese Dinge nicht ins Buch eingearbeitet, um zu überraschen, obwohl es sicher für viele überraschend war. Die Menschen aus meiner Umgebung wußten darüber Bescheid."

Auch mit dem letzten Schritt aus der Karriereschablone, der Trennung vom Manuskript, hatte Midori offenbar keinerlei Probleme. "Im Gegenteil, ich war froh darüber - der Streß mit der Deadline hat mir viel mehr zu schaffen gemacht." Zwei Jahre hat es gedauert, ihr bisheriges Leben vorm inneren Auge Revue passieren zu lassen. Sie schrieb mit der Hand, zwischen Konzertterminen, mal große Mengen, mal mit wochenlangen Pausen. "Es gibt nichts zu verbergen, nichts, wofür ich mich schämen müßte. Man kann solche Erlebnisse nicht einfach ausklammern - es geht dabei aber noch nicht einmal ums Aufschreiben. Man wäre sonst sich selbst gegenüber nicht aufrichtig. Das ist wie mit Musik: Vielleicht hört man nicht immer alles konkret, es ist aber alles in ihr enthalten." Einen kleinen Rest von Selbstschutz allerdings hat sie eingebaut. Ihre Autobiographie ist bislang nur in Deutschland erschienen. Nicht in den USA, nicht in Japan. Es könne damit zu tun haben, daß das Länder sind, die sie sehr gut kenne, lautet ihre kurze Begründung.

Und was ist von der Binsenweisheit zu halten, daß erst Leiden aus guten Musikern noch bessere Musiker macht? "Leiden bringt Menschen dazu, das Leben zu erkennen und es mehr zu schätzen. Das gilt nicht nur für Musiker." Ihre Biographie endet mit den Sätzen: "Ein altes Sprichwort besagt: ,Der hat die Macht, an den die Menge glaubt.' Nicht anders ist es im wahren Leben."