Wilder Tanz ums Goldene Kalb

Moses und Aron: Schönbergs Oper galt lange als unspielbar. Jetzt kommt sie in Hamburg heraus

Hamburg. In der Hamburger Musikgeschichte hat Arnold Schönbergs "Moses und Aron" einen ganz besonderen Stellenwert. In der Musikhalle wurde die zum großen Teil schon zwischen 1930 und 1937 in Lugano und Barcelona entstandene Oper am 12. März 1954 konzertant uraufgeführt. Hans Schmidt-Isserstedt, der das seinerzeit als unspielbar geltende Stück einstudiert hatte, mußte im letzten Moment krankheitshalber absagen. Als Einspringer kam nur einer in Frage, der als Spezialist für die Musik seiner Zeit bewährte Hans Rosbaud vom Südwestdeutschen Rundfunk Baden-Baden. Er wie das NWDR-Sinfonieorchester und die Sänger, allen voran Hans Herbert Fiedler als Moses und Helmut Krebs (Aron), wurden mit Ovationen bedacht. Die szenische Erstaufführung fand dann 1957 in Zürich statt. Wieder dirigierte Rosbaud, und wieder wirkte Fiedler als Moses mit. Die Partie des Aron sang dort der Tenor Helmut Melchert.

Hatte die Hamburger Uraufführung international schon höchste Aufmerksamkeit erregt, so war ein Gastspiel der Hamburgischen Staatsoper 1974 mit "Moses und Aron" in Israel von kaum geringerer Bedeutung. Zum ersten Mal wurde dort diese "politische Allegorie von der Entstehung und Unüberwindbarkeit des (modernen) Staates Israel" exemplarisch vorgeführt, so der Kritiker Ulrich Schreiber. Die in Tel Aviv gezeigte Produktion hatte vorher in der Spielzeit 1973/74 Premiere an der Dammtorstraße. Horst Stein dirigierte, Bohumil Herlischka führte Regie, und in den Titelpartien standen Franz Mazura und Richard Cassily auf der Bühne.

Bezeichnend für den Stellenwert von Kultur in der Hansestadt im Vergleich zu München ist eine Äußerung des damaligen Intendanten August Everding: "Wenn ich in Hamburg zum Bürgermeister ging und sagte, ich hätte eine Einladung nach Israel, sagte der: ,Toll, machen wir, ich fahre mit.' Komme ich damit zu einem Politiker in München, wird er sagen: ,Hören Sie, wir müssen doch hier spielen, was wollen wir denn in Israel?' Da war's in Hamburg viel einfacher, Geld aufzutreiben."

Die Geschichte der Brüder Moses und Aron handelt vom Auftrag Gottes - der Stimme aus dem Dornbusch - an Moses, die Kinder Israels aus der Knechtschaft der ägyptischen Pharaonen zu befreien. Es ist ein Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit. Moses ist der Denker, Aron der Demagoge - Kopf der eine, Stimme der andere. Schönberg hatte das selbstgetextete Stück auf drei Akte konzipiert, aber nur zwei Akte komponieren können.

Der Aufwand ist enorm. Dem vergrößerten klassischen Orchester mit drei- bis vierfachen Bläsern plus Klavier, Harfe, Celesta, Mandoline und reichstem Schlagzeug stellt Schönberg einen gewaltigen Apparat an menschlichen Stimmen entgegen. Das Werk beschäftigt neben acht Sängern Sing- und Sprechchöre sowie 70 Statisten und großes Ballett. Moses ist eine Sprechrolle, Aron ein lyrischer Tenor mit geradezu puccinesken Belcanto-Passagen. Der Torso fand in einer Aufführung der Städtischen Oper Berlin 1959 in der Regie von Gustav Rudolf Sellner und mit Hermann Scherchen am Pult seinen Durchbruch. Es wurde - vor allem wegen des finalen wild-orgiastischen Tanzes um das Goldene Kalb - einer der größten Skandale der neueren deutschen Operngeschichte. Scherchen unterbrach im zweiten Akt und wandte sich ans Publikum: "Protestieren Sie nachher, soviel Sie wollen. Aber erst lassen Sie uns arbeiten und hören zu!" Dann brach der Tumult los . . .

Seither gehört "Moses und Aron" zum Pflichtstück bedeutender Regisseure und Dirigenten. Inszeniert haben Peter Stein und Peter Hall, Ruth Berghaus, Harry Kupfer, Götz Friedrich, Achim Freyer und Jean-Pierre Ponnelle, unter den Dirigenten finden wir Namen wie James Levine, Georg Solti, Pierre Boulez, Gerd Albrecht und vor allem Christoph von Dohnanyi, der allein drei exemplarische Inszenierungen dirigierte, in Frankfurt, Wien und Paris.

Die neue Hamburger Produktion, musikalisch geleitet von GMD Ingo Metzmacher und inszeniert von Peter Konwitschny, verspricht einen krönenden Schlußstein über ihrem Hamburger Zyklus der drei wichtigsten Bühnenwerke der Wiener Schule - neben dem Schönberg Alban Bergs "Wozzeck" und "Lulu".

Premiere am 14. November, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen am 18., 20., 23. und 28. 11., jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon 35 68 68.