Ein Haus für alle Kulturen der Welt

Jubiläum: Das Museum für Völkerkunde Hamburg wurde vor 125 Jahren gegründet. Heute ist es eines der bedeutendsten ethnographischen Museen der Welt

Hamburg. Mit einem Festakt im Hamburger Rathaus wird heute das 125-jährige Bestehen des Museums für Völkerkunde offiziell gefeiert. Die Gründung des Instituts, das zu einem der weltweit bedeutendsten ethnographischen Museen zählt, war 1879 weit weniger glanzvoll. Die meisten Hamburger werden kaum bemerkt haben, dass damals ein neues Museum aus der Taufe gehoben wurde. Mit dem Gründungsakt war die vor allem von Kaufleuten zusammengetragene ethnographische Sammlung von reichlich 1800 Exponaten, die zuvor zur Stadtbibliothek gehörte, zwar eine "wissenschaftliche Anstalt des Staates" geworden, blieb aber noch immer ziemlich unzulänglich im Naturhistorischen Museum am Steintorwall untergebracht (auf dem Gelände des heutigen Kaufhauses Saturn). Wer vom Fernweh umgetrieben wurde, fand hier Exotik hinter Glascheiben. Gesammelt wurden "Geräthe, Kleidungsstücke, Waffen und andere Gegenstände, die auf die Cultur der fremdländischen Völker Bezug haben". In den ersten Jahrzehnten dürfte das Hamburger Völkerkundemuseum allerdings kein Haus gewesen sein, das sich mit den vergleichbaren Instituten in Berlin, Leipzig oder gar in London messen konnte.

Für Deutschlands größte Hafenstadt war dies auf Dauer kein befriedigender Zustand. 1887 mahnte der "Hamburgische Correspondent", damals eine der renommiertesten Zeitungen in Deutschland, ein "würdiges Museum für Völkerkunde" an, denn dies sei für die Hansestadt so wichtig "wie gute Quaianlagen und große Lagerhäuser". Richtig voran ging es aber erst seit 1904 . In jenem Jahr wurde Georg Thilenius zum ersten Direktor berufen. Thilenius war ein Multitalent, ein Mann, der Visionen hatte und diese auch durchzusetzen verstand. Er hatte in Berlin und Bonn Medizin und Naturwissenschaften studiert, sich aber schon sehr früh mit Ethnographie beschäftigt. Er unternahm ausgedehnte Forschungsreisen und publizierte deren Ergebnisse.

Für den zuständigen Senator von Melle stand jedenfalls fest, dass Thilenius aus dem Museum "schon etwas Großes zu machen wisse".

Und das tat er auch - und zwar in mehrfacher Hinsicht. Während der Direktor einerseits die Sammlungen systematisch aufbaute, einen modernen Museumsbetrieb organisierte, als Gründungsmitglied der Uni Hamburg forschte und lehrte und zum Beispiel mit der großen Hamburger Südsee-Expedition (1908-10) nicht nur die Bestände planmäßig erweiterte, sondern zugleich auch zum wissenschaftlichen Renommee des Hauses beitrug, kümmerte er sich zugleich um den Bau eines neuen Museumsgebäudes. Schon 1905 hatte er ein Konzept für ein Gebäude erarbeitet, das dem damals neuesten Stand der Museums- und Ausstellungstechnik entsprach. Eigentlich hätten Senat und Bürgerschaft das Museum gern innerhalb des historischen Wallrings platziert, doch da sich dort kein geeigneter Bauplatz finden ließ, entschied man sich nach langer Debatte dafür, das Gebäude im damaligen Villenvorort Rotherbaum zu errichten. Thilenius überließ nichts dem Zufall, sondern erörterte jedes Detail mit dem Architekten Alfred Erbe, der damals das Bauinspektor-Amt innehatte und der direkte Vorgänger von Fritz Schumacher war.

Das Ergebnis war das modernste Völkerkundemuseum Europas, das - wie es in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt - "die wissenschaftlichen Bedürfnisse mit den Erfordernissen der Schausammlung" in idealer Weise vereinte und sich mit seiner repräsentativen Architektur gut in das städtebauliche Umfeld einpasste.

Der Umzug begann 1912, von 1915 an standen den Besuchern die Schausäle zu Süd- und Ostasien zur Verfügung, die allerdings am Anfang noch ziemlich provisorisch gestaltet waren. Trotzdem fand das Museum schnell sein Publikum: 1918, als Deutschland mit dem Ersten Weltkrieg auch seine Kolonien verlor, kamen 22 666 Besucher, 1920 waren es schon fast 50 000 und 1926 sogar reichlich 73 000. In der langen, bis 1935 währenden Amtszeit von Thilenius wuchs die Sammlung von 20 041 auf 175 419 Objekte an, wobei es dem "Führer der deutschen Ethnologie", wie er in Fachkreisen respektvoll tituliert wurde, keineswegs um Masse, sondern in erster Linie um Qualität ging. Im Jubiläumsband des Museums heißt es über Thilenius, dass er "sich den Machthabern des Dritten Reichs fern hielt, ohne in direkte Opposition zu ihnen zu treten. Immerhin gelang es ihm, trotz zahlreicher Anfeindungen gegen ihn und das Museum deswegen, die jüdische Abteilung bis zu seinem Ausscheiden offen zu halten. Erfolgreich setzte er sich außerdem für einige rassisch verfolgte Kollegen ein."

Glücklicherweise war auch sein Nachfolger Franz Termer kein Nazi. Termer, der nicht "entnazifiziert" werden musste und sogar bis 1962 im Amt blieb, sorgte dafür, dass das Museum kein Ort wurde, an dem die "Überlegenheit der arischen Rasse" pseudowissenschaftlich vorgeführt wurde. Im Bombenkrieg gingen einige wertvolle ausgelagerte Teile der Sammlung verloren, das Gebäude selbst blieb jedoch unversehrt.

Schwierig war die Nachkriegszeit, in der das Museum zwar teilweise mehr als 100 000 Besucher pro Jahr anlockte, aber finanziell ziemlich schlecht ausgestattet war. 1958 zerschlugen sich auch erst einmal alle Hoffnungen auf den Erweiterungsbau, der von Anfang an geplant war und leider bis heute nicht realisiert werden konnte.

Ungeachtet der Tatsache, dass das Haus an der Rothenbaumchaussee mehr als 300 000 Objekte beherbergt, Weltruhm genießt und zu den meistbesuchten ethnographischen Museen Europas gehört, hatte es in der Vergangenheit in der Hamburger Kulturszene nicht immer den Stellenwert, den es eigentlich beanspruchen kann. Es gab sogar Zeiten, in denen die Kulturbehörde über die Schließung des Hauses nachdachte. Das alles ist zwar nicht vergessen, aber vorbei: Als "Dach für alle Kulturen der Welt" hat sich das Museum im Zeitalter der Globalisierung zum wichtigen Ort für den interkulturellen Dialog entwickelt und trägt mit zahlreichen Ausstellungen, Veranstaltungen, Festen und Aktionen zur Integration der in Hamburg lebenden Menschen aus vielen Teilen der Welt bei. Und wer die Ferne ganz in der Nähe sucht, für den ist "Hamburgs Tor zur Welt" auf der Rothenbaumchaussee weit geöffnet.