Walsers Roman illegal im Internet

Hamburg. Wenn Martin Walser heute Nacht um 0.40 Uhr in der ARD (Wiederholung morgen um 15.15 und 23.35 Uhr auf N3) aus seinem unveröffentlichten Roman "Der Tod eines Kritikers" vorliest, können zumindest einige Zuschauer genau verfolgen, ob der Autor umstrittene Passagen noch überarbeitet hat. Denn seit vergangenem Freitag kann sich jeder den Roman aus dem Internet herunterladen. Illegal zwar, aber kostenlos. Der Suhrkamp Verlag hatte zu Beginn der Debatte um die angeblichen antisemitischen Inhalte des Buches eine Datei des Manuskripts an Journalisten verschickt und den Erscheinungstermin auf den 26. Juni vorgezogen. Nun ist ein Rezensionsexemplar in einem versteckten Winkel des World Wide Web aufgetaucht. Wo genau, erfährt man auf der leicht auffindbaren Internet-Seite eines "Literaturliebhabers" mit dem Pseudonym "Dr. Gonzo", die zu den größten Tummelplätzen für geklaute Bücher in Deutschland gehört. Aber nicht nur Walser gibt es in digitaler Form, Hunderte Autoren finden sich auf den einschlägigen Web-Seiten. Harry Potter oder Commissario Brunetti lassen sich in wenigen Minuten herunterladen ebenso wie Comics, Fachbücher oder sogar Dutzende "Julia"- und "Bianca"-Liebesschmöker. Anders als bei Musik-CDs oder Kinofilmen sind Raubkopien von Büchern mühevolle Kleinarbeit - jede Seite muss einzeln auf den Scanner gelegt, eingelesen und am Computer nachbearbeitet werden. Manche Buch-Klauer lassen "ihre" Werke vor der Veröffentlichung im Internet sogar Korrektur lesen. Dabei gehen sie konspirativ vor, nutzen anonyme Internet-Seiten oder E-Mail-Adressen, ähnlich wie Geheimagenten "tote Briefkästen". Bleibt die Frage, warum diese Buch-Freunde ihre Freizeit einsam vor dem Scanner verbringen. "Dr. Gonzo", der sich in einem Interview mit der Computerzeitschrift "c't" als Akademiker, Anfang 40 bezeichnete, hat dafür eine simple Antwort parat: "Das Ganze ist so spannend wie Briefmarkensammeln, aber es macht Spaß."

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