Erst lesen, dann urteilen

Kommentar

Eine Zensur findet nicht statt. Zu Recht. Der Suhrkamp Verlag hat sich entschlossen, den umstrittenen Roman Martin Walsers zu veröffentlichen. Das ist die einzig denkbare Reaktion des Verlages auf eine Debatte, an der weder der Autor noch die Öffentlichkeit bisher teilnehmen konnten. Ob der Antisemitismus-Vorwurf, der gegen Walser von einem der wenigen Leser, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, erhoben wurde, noch tragbar ist, wird sich erst dann erweisen. Schwer vorstellbar jedoch, dass ein Werk von Walser, der neben Günter Grass seit Jahrzehnten zu den Lichtgestalten der deutschen Literatur gehört, mit Druckverbot belegt wird. Dazu müsste der Inhalt volksverhetzenden oder sittenwidrigen Charakter haben. Dass Walser die deutsche Vergangenheit anders behandelt sehen will als weite Teile der kulturellen Öffentlichkeit, darf keinesfalls dazu führen, seine Texte zu verdammen. Da ist immer noch die Literaturkritik gefragt. Und dass Walser in die Möllemann-Auseinandersetzungen gerät, davon war nun wirklich nichts zu ahnen. Möllemann ist ein unverantwortlich handelnder Politiker. Walser ist ein nur für sich selbst sprechender Autor.