Applaus, Bockwurst, Flaschenbier

"Lange Nacht": Gelungener Abschluss der Autorentheatertage im Thalia.

Hamburg. Als es über der nahe gelegenen Alster schon längst wieder hell geworden war, tanzten sie immer noch, da ganz oben, im "Nachtasyl", dem Party-Dachstübchen des Thalia-Theaters: die Bühnensüchtigen, die sich nach einem fünfstündigen Theatermarathon ihre steif gesessenen Beine wieder in Form schlenkerten, und die Schauspieler, Regiehospitanten und Kostümbildner, deren Anspannung sich durch Applaus, Bockwurst und Flaschenbier endlich in die erhofften Endorphine verwandelt hatte.

Die "Lange Nacht der Autoren", während der das Ensemble vier von ihm ausgewählte zeitgenössische Stücke vorgestellt hatte, war - nach Crash-Proben von nur zehn Tagen - wie erwartet zum Höhepunkt der vierten Autorentheatertage geworden.

Einen "Abend ohne Netz und doppelten Boden" hatte der verantwortliche Dramaturg John von Düffel versprochen. Tatsächlich war die Entscheidung des Intendanten, die Werkstattinszenierungen in diesem Jahr von der Gaußstraße auf die große Bühne zu verlegen, nicht risikofrei. Weniger, weil Ulrich Khuon halb leere Ränge fürchten musste: Die "Lange Nacht" war nahezu ausverkauft, die wenigen freien Plätze füllten sich, als die zeitgleiche Premiere im Schauspielhaus zu Ende gegangen war. Aber würden sich die kammerspielartigen Inszenierungen auf großer Bühne behaupten können?

Sie konnten. Weil das Konzept klar kommuniziert war. Und viel groteske Komik selbst kurz vor Mitternacht noch Aufnahmebereitschaft zulässt. Der Wahnsinn und die bloßgelegten Abgründe des Alltags zogen sich dabei wie ein roter Faden durch die Stücke.

Das dichteste Webwerk aus Text, Schauspiel, Bühne und Regie gelang mit Nicolai Borgers "Kriegsmaschine" (Regie: Christine Eder). Das US-kritische, ironische "Endzeitdrama" lässt den bibel-tv-festen Billy durch arglos weiß getünchte Türrahmen in den Amok stolpern - immer schön die Nachbarn grüßend. "Kriegsmaschine" erinnert an die "Truman Show", könnte in Auszügen in Michael Moores nächsten Film geschnitten werden und zeigt ein hervorragend aufeinander eingespieltes Ensemble.

Weniger überzeugend: Christine Wunnickes "Fleshcrafter" in der Regie von Henning Bock. Hier ist der Mörder zwar nicht der Böse, die Figuren aber bleiben dennoch zu stereotyp. Dafür erklärte sich, warum Peter Maertens vorab so enthusiastisch für das Stück plädiert hatte: Seine Vorstellung des lakonischen Zynikers im Rollstuhl gelang lachtränenkomisch.

Wie trostlos dagegen die Jugend sein kann, zeigte Andrea Udl schlüssiger (weil ernst genommen) in Jan Liedkes "Toronto", einer Sozialstudie im 80er-Jahre-Gewand. Gerhard Rekel schließlich spottet in seiner durchgeknallten Farce "Machiavellis Masseuse" (Regie: Georg Staudacher) von außen über die Republik: Mit dem raunzig-frechen Blick des Österreichers scheint er in seinem aktualisierten Text (der auch ein Hanseatenpaar beim Besuch des "Othello"-Gastspiels im Thalia zitiert) selbst die Themen seiner Vorgänger aufs Korn zu nehmen.

Unvermeidlich also, dass die "Lange Nacht" sich den nächsten Morgen gleich mit einverleibte. Wo es doch so viel zu feiern gab: das Theater, die zeitgenössische Dramatik - und ein Festival, das selbstbewusst eine immer größere Relevanz behaupten kann.