Ein Leben auf der Durchreise

Geburtstag: Der Theatermacher George Tabori wird 90. Ein Gespräch über den Tod, die Frauen und seine Arbeit in Berlin.

Berlin. Auf die berühmte Frage, wie er sterben möchte, hat George Tabori geantwortet: "Wie ich geboren wurde, nur umgekehrt." Der Tod und die Liebe, die beiden großen Themen der Literatur, durchziehen Taboris Inszenierungen, Theaterstücke und Romane. Ebenso der Witz. Denn bei ihm gehört unweigerlich die Anekdote dazu, genauso wie das Wissen um die Mittelmäßigkeit und das ewige Scheitern des Menschen. Tabori ist gelassen durchs Leben gegangen, vielleicht wurde er auch deshalb gelegentlich wie ein Guru verehrt. Elfriede Jelinek hat ihn als einen Menschen, "der von allen geliebt wird", beschrieben. Tabori hat nie Druck ausgeübt, hat immer alles auf sich zukommen lassen. Schon deshalb sind viele seiner Inszenierungen von einer unvergleichlichen Leichtigkeit.

1914 wird er in Budapest geboren. Er lernt Kellner in Berlin, wird dann Journalist und Übersetzer. 1936 emigriert er nach London und arbeitet für die BBC, unter anderem in Sofia und Istanbul. Sein Vater soll zu dieser Zeit mit der den Taboris eigenen Höflichkeit beim Eintritt in die Gaskammer gesagt haben: "Bitte nach Ihnen, Herr Mandelstam." Die Mutter entkommt wie durch ein Wunder der Vernichtung.

Viele Jahre arbeitete Tabori, den immer schon eine Aura von Jugendlichkeit, gepaart mit Altersweisheit, umgab, mit eigenen Theatertruppen, lange auch am Wiener Burgtheater. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet er wieder in Berlin, an Brechts ehemaliger Bühne, dem Berliner Ensemble. Dort verfolgt er gerade die Inszenierung seines neuen Stückes "Purgatorium". Tabori gab mit seinem berühmt gewordenen Nuscheln Auskunft über sein Leben.

ABENDBLATT: Sie haben knapp 30 Theaterstücke geschrieben, viele davon beschäftigen sich auch scherzhaft mit dem Tod. Wie denken Sie im Alter über den Tod?

TABORI: Vor drei Jahren habe ich akzeptiert, dass ich nicht mehr so jung bin, wie ich mal war. Ich bin für alles bereit. Aber jetzt feiern wir erst mal den Geburtstag, an dem viele Freunde kommen.

ABENDBLATT: Weiß man mit 90 Jahren mehr über das Leben?

TABORI: Ich weiß nur eins, man wird immer dümmer. Allerdings habe ich früher gedacht, ein Film oder ein Stück sind gut, wenn sie politisch die richtige Aussage haben. Das ist großer Quatsch. Ich habe gelernt, dass man ehrlich sein und das sagen soll, was man denkt und fühlt.

ABENDBLATT: Sie waren mit der Garbo befreundet . . .

TABORI: Ja, ich habe sie sehr verehrt. Sie war sehr schwedisch, etwas naiv und immer einfach gekleidet mit Hemd und Hose. Und viel gesprochen hat sie auch nicht. Als ich von Hollywood nach New York musste, hat sie mich zum Flugplatz gefahren. Meine Mutter saß hinten im Auto, und als ich ausstieg, hat die Garbo sich am Steuerrad festgehalten und mich angefleht: ,Don't go.' Meine Mutter hat erschrocken geguckt. Ich bin trotzdem nach New York geflogen, aber die Garbo hat mir nie verziehen. Viele Jahre später habe ich sie in New York in einem Gardinengeschäft gesehen, und ich dachte, sie hätte die Sache vergessen. Ich wollte sie umarmen, aber sie hat mich weit weggeschoben.

ABENDBLATT: Sie haben mit vielen berühmten Künstlern gearbeitet, kommt Ihnen das heute wie aus einem anderen Leben vor?

TABORI: All diese berühmten Leute sind ganz normale Menschen. Gene Kelly, Elizabeth Taylor, Montgomery Clift sind auch nicht anders als andere, das hab ich nach einiger Zeit in Hollywood gelernt. Auch Hitchcock, mit dem ich den Film ,Ich beichte' gemacht habe. Er war sehr lieb, es gab immer tolles Essen bei ihm. Aber für mich war es schwer, mit ihm weiterzuarbeiten, weil er alles schon vor Drehbeginn so genau vorbereitet hatte, dass die Schauspieler sich sklavisch daran halten mussten. Da waren sogar Markierungen für die Füße eingezeichnet, dort, wo die Schauspieler am Ende einer Szene zu stehen hatten. Er war ein Kontrollfreak. Und ich überlasse eben gerne vieles dem Zufall. Er war sehr sauer, dass ich nicht weiter mit ihm arbeiten wollte. Jahre später sind wir uns zufällig in einem französischen Restaurant begegnet. Er hat mich keines Blickes gewürdigt.

ABENDBLATT: Die Frauen haben in Ihrem Leben immer eine besondere Rolle gespielt. War das rückblickend eher Glück oder Unglück?

TABORI: Na ja. Ich war dreimal verheiratet, was für mein Alter nicht besonders viel ist. Über alles andere schweige ich. Aber warum soll das unglücklich gewesen sein? Manches hat geklappt, manches eben nicht. Mia Farrow hat mir mal zu verstehen gegeben, dass ich ihr zu groß sei. Sie war ja immer nur mit kleinen Männern zusammen - Sinatra, Andre Previn, Woody Allen. Wie die für mein Leben wichtigen Entscheidungen zu Stande gekommen sind, kann ich nicht erklären. Ich glaube an den Zufall.

ABENDBLATT: Ist es Zufall, dass Sie wieder in Berlin leben, in dem Land, aus dem Sie fliehen mussten?

TABORI: Ich habe nie in diesen Kategorien wie ,die Deutschen' oder ,die Amerikaner' gedacht. Mein Vater hat mich nur einmal geschlagen, als ich aus der Schule kam und gesagt habe: ,Die Rumänen sind schwul.' Er hat gesagt, so etwas wie ,die Rumänen' gibt es nicht. Jeder ist ein Mensch und gehört zufällig einer Nation an.

ABENDBLATT: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

TABORI: Frau und Hund.