Konzert

Vom Segen der Beatmusik

Der Schauspieler Jan Josef Liefers bewältigt seine Jugend in der DDR derzeit musikalisch. Mit seiner Band Oblivion gab er ein gefeiertes Konzert mit dem „Soundtrack meiner Kindheit“ auf Kampnagel.

Schon die Eingangsmusik mutet für westlich sozialisierte Ohren reichlich befremdlich an: Das Lied der jungen DDR-Pioniere über "Unsre Heimat". Jan Josef Liefers, bekannter Fernseh- und Theaterschauspieler, musste es ertragen. Neben allerlei anderem. Dem Ost-Fernsehen, das eine "Übersicht" liefern sollte und in einem verengten Kanal der Wahrnehmung hängen blieb. Und den laut Kulturfunktionären im Gegensatz zur monotonen Beatmusik des Klassenfeindes so bejahenden DDR-Schlagern, die das Hohelied auf "Den Mais, die Wurst am Stengel" anstimmten.

Doch ähnlich wie Heranwachsende im Westen fand auch Liefers, den seine Mutter in einem Hochhaus in der Prager Straße in Dresden aufzog, Lieder, die ihm sozusagen das Leben retteten.

Zufluchtsorte seiner Sehnsuchtsgefühle wurden. "Rockmusik funktioniert überall gleich", sagt Liefers, ganz in Schwarz mit hipper Melone auf dem Kopf, in die applaudierende Menge. Aus einer Fülle von Kindheitserlebnissen hat er ein amüsantes, unsentimentales und keineswegs ostalgisches Gesprächskonzert destilliert: "Der Soundtrack meiner Kindheit."

Die Neugier war groß, die Kampnagelhalle so gut wie ausverkauft. Und Liefers beginnt den Abend, natürlich, mit den Puhdys und deren Industrial-Song "Türen öffnen sich zur Stadt." Zwischen den Liedern sinniert er ausführlich über Kindheitserlebnisse. Gleichsam als öffentlich vorgetragene Analyse. Liefers versteht sich auf Pointen, die ihm der real existierende Sozialismus auf dem Silbertablett servierte. Aus dokumentarischem Super-8-Material hat er dazu herrliche Kollagen aus seiner wilden Jugend, der ersten Liebe und den omnipräsenten Funktionären der SED, Walter Ulbricht und Erich Honecker, geschnitten, die in realsatirisch anmutenden O-Tönen noch einmal zu Wort kommen.

Mal punkig-rotzig, mal dem Blues der Engtanzpartys frönend, stimmt Jan Josef Liefers "Mein Herz soll ein Wasser sein" der Gruppe Lift, "Am Abend mancher Tage" von der Klaus Renft Combo und schließlich "Schlohweißer Tag" von seiner Lieblingsband Silly an. Die hätten "die Lagerfeuer ausgetreten und das Neonlicht eingeschaltet." Liefers und Oblivion haben sich für ihre Adaptionen vor allem die weniger bekannten Songs vorgenommen, die besonders ungeliebt in der Zensur hängen blieben. Manches davon erinnert an den westlichen Punk, die Anfänge der Neuen Deutschen Welle oder die Einstürzenden Neubauten. Liefers’ Stimme mag an einigen Stellen etwas zu weich klingen, seine fünf Begleitmusiker, Bassist Christian Hon Adameit, Schlagzeuger Timon Fenner, Pianist Gunter Papperitz und vor allem die beiden Gitarristen Jens Nickel und Johann Weiß beleben den Sound der 60er- und 70er-Jahre in so authentischer wie frischer Manier. Ihre breit grätschenden Gitarrensoli blitzten wie ein Relikt aus der Rockhistorie auf. Als der Abend zu Ende geht, ist es, als hätte man ihn mit Jan Josef Liefers auf dem Sofa verbracht und in einem alten Fotoalbum geblättert.