Comeback als Comic-Hauptstadt?

Sprechblasen: Die junge Szene kämpft für ihre Zunft - und möchte, dass Hamburg seinen alten Ruhm zurückerobert.

Hamburg. "Im Rinnstein liegt viel von der Magie und besonderen Faszination des Comics", sagt der amerikanische Zeichner Scott McCloud in seinem Buch "Comics richtig lesen". Gemeint ist der weiße Streifen zwischen zwei Bildkästchen, die in der Fachsprache Panels genannt werden. Der Raum, in dem der Leser sich vorstellt, was von einer Momentaufnahme zur nächsten passiert. Ein narratives Element, das ein Augenzwinkern oder ein ganzes Leben umfassen kann. Die Sprechblasen-Poesie wird jedoch nach wie vor eher mit dem realen Rinnstein assoziiert. Auch die Hamburger Comic-Szene hat damit zu kämpfen, dass ihren Werken wahlweise das Image von Schmuddelkram oder kindlich-bunter Oberflächlichkeit anhaftet. Der Hamburger Zwerchfell-Verlag geht im Mai unter dem Titel "Monsters of Comic" auf Deutschland-Tour, um die Vielfalt der "neunten Kunst" publik zu machen. Das Künstlerkollektiv, das derzeit rund 20 Autoren umfasst, feiert dieses Jahr seinen 15. Geburtstag und die Herausgabe des 100. Titels. Ihre charmante Aktion täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass der Titel "Hauptstadt des Comics" für Hamburg zu verbleichen droht wie ein Donald-Duck-Buch in der Sonne. Maßgeblich beteiligt am ehemals ruhmreichen Ruf der Elbmetropole war die Initiative Comic Kunst e. V. (INC.), die sich 1992 aus ansässigen Zeichnern gründete und bis 1997 vier spektakuläre Events organisierte. Die Aktion "Ehrlich billig" zum Beispiel brachte die Strichkunst 1995 fünf Tage lang direkt pfundweise unters Besuchervolk im Sprinkenhof. Aber bereits das Vorhaben, in Hamburg ein Pendant zum alle zwei Jahre in Erlangen stattfindenden Comic-Salon zu installieren, schlug nach Versuchen in den Deichtorhallen (1995) und auf Kampnagel (1997) fehl. "Wegen des eingefrorenen Kulturetats und mangelnder Sponsorengelder können wir derzeit keine öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen realisieren", erklärt Ulf Harten, der sieben Jahre der INC. vorstand. Doch der Szene-Veteran ist optimistisch: Zwischen buntem Gestern und auf den ersten Blick tristem Heute blieb mit der INC. ein loses Netzwerk von rund 150 Kreativen bestehen, das mittlerweile durch eine neue Generation unkonventioneller Künstler ergänzt wird. Zwei der jungen Wilden sind Teer und Juliane Kruschke, kurz Jule genannt. In ihren "Independent-Comics" kokettieren sie bewusst mit dem Charme des Rinnsteins, setzen das Großstadtleben sperrig in Szene. Ihre Figuren sind das provokante Gegenteil von Marvel-Superhelden oder Asterix und Obelix. Mit Illustrationen und Tuschzeichnungen, die an Holzschnitte erinnern, will Teer sich bewusst vom glatten Digital-Design dieser Tage abheben. "Ich male süße Punkrock-Comics", erzählt Jule, die an der Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in der Armgartstraße Techniken wie Siebdruck und Computeranimation erlernt. Der Fachbereich Gestaltung leistet sich dort mit Anke Feuchtenberger sogar eine Comic-Zeichnerin als Dozentin. Die "Design Initiative 24" der HAW sponserte Jule auch den zweiten Band ihrer Geschichte "Strange girls". Mit ihrem naiv-expressiven Stil sowie Themen zwischen Liebes- und Gitarrenspiel ist das Nachwuchstalent bereits in einigen europäischen Comic-Magazinen wie dem "Strapazin" aus Zürich vertreten. Sie malt für Zeitungen und Zeitschriften, geht bei Buchläden und -messen mit ihren Produkten hausieren. Doch leben kann Jule - wie die meisten ihrer Zunft - vom Stift- und Pinselschwingen nicht. "Wir versuchen, die Förderung junger Künstler aus Deutschland auszubauen", erklärt Stefanie Schrader vom Hamburger Verlag Carlsen Comics. Derzeit hat das Altonaer Unternehmen gut ein Dutzend nationaler Zeichner unter Vertrag, darunter auch Isabell Kreitz aus Hamburg. Doch Lizenzkäufe fertiger Serien aus dem Ausland rentieren sich stärker. Nachdem Redakteur Andreas Knigge Anfang der Neunziger mit hochwertigen Alben auf dem Markt scheiterte, bestreitet Carlsen Comics nun 80 Prozent seines Umsatzes mit günstig produzierten Mangas aus Japan. "Comic-Kunst hat in Frankreich und den USA eine längere Tradition und somit ein größeres Publikum", erklärt Ulf Harten die Absatzprobleme hiesiger Produkte. Jule und Teer bringen ihre Hefte daher im eigenen Ego-Verlag heraus. Die vierte Ausgabe ihres Fanzines "Klinik" finanzierten sie mit einer Release-Party, auf der unter anderem die Hamburger Band Kajak und der Schauspieler Robert Stadlober auftraten. Die INC. veranstaltet am 8. November dieses Jahres zum fünften Mal die Comic-Messe "Heftich" und bietet der Szene somit ein Forum. Doch viele Kreative ziehts nach Berlin. "Die Versuchung, aus Hamburg wegzuziehen, ist groß", meint auch Jule. Denn: "Der Aktionszusammenhang in Berlin ist größer. Es gibt mehr Galerien und berühmte Künstler, von denen der Nachwuchs profitieren kann."