Die Sehnsucht des Nacktmenschen nach dem verlorenen Fell

Kampnagel zeigt die Tanz-Uraufführungen "Haut" und "Wallen"

Hamburg. Bildende Kunst und Tanz inspirieren einander seit Jahren. Zwei gelungene Beispiele bietet ein Doppelabend in der Kampnagelfabrik mit den Uraufführungen der Choreografien "Haut" von Jenny Beyer und "Wallen" von Sebastian Matthias.

Angela Anzis windgeblähte riesige Papierskulpturen stehen auf der Bühne. War aus einem der pulsierenden Kokons die Fellkugel gerollt? Jenny Beyer und Chris Leuenberger liegen ineinander verklammert am Boden, regen sich und erwachen zum Leben, trennen die sie verbindende "Nabelschnur". Die Choreografin und ihr Partner streifen Hüllen von "Haut" ab, zeigen in Slow Motion nach Art des japanischen Butoh die Evolution vom Pavian zum Homo sapiens. Sie erinnern in skurrilen Bewegungen und Posen an dessen animalische Natur, beschwören die Sehnsucht des Nacktmenschen nach dem verlorenen Kuschelfell. Wohl beabsichtigte Komik oder Parodie brachte das Duo in der Premierenanspannung jedoch nicht recht zur Wirkung.

Für "Wallen" hebt Sebastian Matthias die Grenze zwischen Bühne und Publikum auf. Die Zuschauer sind in Tanja Rühls Rauminstallation aus Podien mit Drehsitzen im Licht der gelben und weißen Neonröhren Teil der Performance. Der Choreograf bietet weder Bedeutung noch Geschichten, er untersucht die Erfahrung von Emotionen im Kontext des Körpers und seiner muskulären Bewegung. Er lässt vier Tänzer zwischen den Zuschauern wallen, sprich wandeln. Sie bringen in einem zuckenden, ruckartig zerhackten oder weich schwingenden Bewegungsfluss den Raum langsam zum Kochen. Sie laden ihn sozusagen durch ihre mal sanft, mal in Dynamik aufwallenden Körperenergien auf. Die Tänzer erzeugen im ausgetüftelten Zusammenspiel mit dem sich abrupt verändernden Licht und Jassem Hindis live produziertem Elektronik-Sound Spannungen und Stimmungen, die den Zuschauer auch gefühlsmäßig berühren: durch den Atem, die Nähe, das Schwitzen und die Schwingungen, wenn sie auf den Podien zwischen ihnen agieren oder sitzen.

Tanz ist hier unverstellt, ohne Theatralik oder demonstrative Virtuosität zu erfahren: in einer ungeschminkten Klarheit und unverstellten Schönheit, die den Betrachter zunehmend in den Bann zieht. Lisanne Goodhue fasziniert durch ihre pure, losgelöst in der Bewegung aufgehende Körperlichkeit. Aber auch Jan Burkhardt, Isaac Spencer und Deborah Hofstetter folgen uneitel den offenbar vom Choreografen vorgegebenen Regeln, improvisieren jedoch innerhalb der Struktur frei zu den Rhythmen - ähnlich Jazzern in einer Session.

Wie sich Körperkunst der Techniken anderer Genres bedient, ist irritierend, aber auch aufregend in beiden Performances zu erleben.

"Haut" 5.5., 9.-11.5., 19.30, "Wallen" 5.5., 9.-11.5., 21.00, Kampnagel, Karten unter T. 27 09 49 49