Interview

Lehmann rechnet mit baldigem Prozess gegen Ai Weiwei

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Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, spricht im Interview über den in China inhaftierten Künstler Ai Weiwei.

Berlin. Das Goethe-Institut feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Seit Jahrzehnten fördert es deutsche Sprache und Kultur im Ausland. Unterstützt werden aber auch Künstler, die in ihren Ländern unterdrückt werden. dapd-Korrespondent Holger Mehlig spricht in Berlin mit dem Präsidenten des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, über den in China seit Anfang April inhaftierten Künstler Ai Weiwei und das Schaffen von Freiräumen in Diktaturen:

dapd: Das Goethe-Institut unterstützt Künstler in Diktaturen. Kann es Ai Weiwei noch helfen?

Lehmann: Bei Ai Weiwei haben wir alle Instrumente ausgenutzt. Mehr kann man im Moment nicht machen. Unmittelbar können wir nicht helfen, auch wenn wir Einspruch bei allen staatlichen Stellen erheben. Aber wir dürfen die Festnahme weiter nicht akzeptieren und müssen alle Möglichkeiten nutzen, das Thema am Leben zu halten. Genutzt haben die Proteste aber auf jeden Fall: Die Nervosität der Sicherheitsorgane in China ist deutlich gestiegen. China hatte diese relativ konzertierte internationale Aktion wohl nicht erwartet. Ich gehe davon aus, dass die Chancen, dass er bald vor Gericht gestellt wird, jetzt wachsen. Es wird einen Prozess geben. Das wird schätzungsweise im Laufe des nächsten Monats geschehen.

Überraschte Sie die Festnahme?

Lehmann: Wir haben mit Ai Weiwei ein langjähriges freundschaftliches Verhältnis. Zwei Tage vor seiner Verhaftung hatte ich ihn in seinem Atelier in Peking besucht. Er sagte mir, er sei verstärkt unter Beobachtung. Die Tage vorher waren zwei Hausdurchsuchungen. Als ich aus dem Atelier rauskam, war eine Polizeieskorte vor dem Atelier, die mich dann bis in die Stadt zurückbegleitete. Die Verhaftung entspricht nicht den rechtlichen Bestimmungen in China. Damit verstößt die Staatsmacht gegen das eigene Recht. Man muss den Ort bekannt geben und die Angehörigen zulassen. Beides ist nicht getan worden. Ich glaube aber nicht, dass die Verhaftung Ai Weiweis unmittelbar mit der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ in Peking zusammenhängt. Das war eine Koinzidenz, die für die Ausstellungsmacher schlimm war. Klar ist aber, dass die Situation im Nahen Osten und Nordafrika die Regime sehr nervös macht. Insofern ist dieser Frost in Peking auch eine Auswirkung auf die Entwicklungen, die noch nicht abgeschlossen sind. Ich glaube, dass wir wieder in ein revolutionäres Zeitalter eintreten.

Wie kann das Goethe-Institut konkret verfolgten Künstlern helfen?

Lehmann: Wir versuchen in China mit den Künstlern, die wir kennen und die Positionen wie Ai Weiwei haben, weiter zusammenzuarbeiten, um die Szene zu motivieren und zu zeigen, dass sie nicht alleine ist. Wir können Freiräume anbieten. Das heißt, wir können Ausstellungen im Goethe-Institut selbst machen, oder wir ermöglichen Künstlern Ausstellungen, die auch deutsche Künstler einbeziehen. Das sind dann Themenausstellungen, die nicht provozieren. Die Künstler müssen ja Lebensverhältnisse haben, in denen sie produzieren können.

Und das lassen die Machthaber zu?

Lehmann: Bislang werden wir von den Machthabern in unserer Arbeit nicht eingeschränkt. Das ist ein erstaunlicher Umstand, dass wir bislang nicht eines Landes verwiesen wurden. Wir arbeiten aber auch offen und nicht subversiv. Wir arbeiten so, dass wir nicht provozieren, aber unsere Verbindungen zeigen.

Unterstützen Sie das Operndorf von Christoph Schlingensief in Burkina Faso auch nach dessen Tod weiter?

Lehmann: Das Operndorf werden wir weiter unterstützen. Wir wollen die vielen afrikanischen Künstler, die wir kennen, an das Dorf vermitteln, mit ihnen dort Festivals machen, eine Filmschule aufbauen. Wir arbeiten mit den Künstlern in Afrika partnerschaftlich zusammen. Wir haben Plattformen geschaffen, Festivals und Workshops, um die Künstler zusammenzubringen. Das ist der Unterschied zur Entwicklungshilfe. Die guckt nach Defiziten. Wir blicken nach Talenten und Potenzialen. Das schafft Selbstvertrauen.

( (dapd) )