Theater

Geißlers „Stuttgart 21"-Schlichtung auf der Bühne

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Caroline Wadenka

Studio Theater Stuttgart inszeniert Musical-Version des Forums zwischen Gegnern und Befürwortern des umstrittenen Bahnprojekts

Stuttgart. Man muss schon zweimal hinsehen, wenn der junge Schauspieler Boris Rosenberger nach seiner Gesangseinlage mit Inbrunst „den integralen Taktfahrplan“ fordert. Denn die Ähnlichkeit mit dem Tübinger Oberbürgermeister und „Stuttgart 21“-Gegner Boris Palmer (Grüne), den er in „Die Schlichtung – Das Musical“ spielt, ist frappierend. Am 12. Mai feiert das Musical in Stuttgart Premiere. Palmer und weitere Schlichtungsteilnehmer vonseiten der „Stuttgart 21“-Gegner haben ihr Kommen angekündigt.

Die Idee, die Schlichtung im Theater aufzugreifen, hatte Regisseur Christof Küster, als er die Protokolle der Sitzungen las, in denen alle Versprecher und „ähms“ dokumentiert sind. „Da dachte ich mir: Da ist so viel theatralisches Material da.“ Einige Vorträge grenzten schon an „Realsatire“, sagt der Regisseur.

Als ein Beispiel haben Küster und seine Schauspieler den Vortrag eines Tierschutzexperten über den Ameisenbläuling ausgewählt – einen Falter, der auf Magerrasenstandorte angewiesen ist, die von dem Bahnprojekt beeinträchtigt werden. Während der Text nahezu originalgetreu den Protokollen entnommen ist, erhält das Stück nicht zuletzt durch die Musikstücke und die überspitzten Darstellungen eine satirische Note. Die Schlichtung wird auf der Bühne stets mit einem Augenzwinkern gesehen.

Gemeinsam mit den Schauspielern hat Küster den Originaltext der Schlichtung zunächst gekürzt. „Wir mussten uns von vielem trennen“, sagt Lucia Schlör, die die „Stuttgart 21“-Gegner Brigitte Dahlbender und Hannes Rockenbauch spielt. Herausgekommen ist eine unterhaltsame, knapp zweistündige Low-Budget-Musicalproduktion.

Am besten gefielen Regisseur Küster in der Schlichtung Heiner Geißler und der Bahn-Vorstand Volker Kefer. „Den Geißler fand ich schon beeindruckend, mit welchem Charme und Humor er das gemacht hat.“ An Kefer habe er besonders seine Klarheit und die angenehme Stimme geschätzt. „Auch wenn ich es inhaltlich nicht teile, was er gesagt hat“, fügt Küster hinzu. Dennoch betont er, dass sich das Stück an Gegner und Befürworter gleichermaßen richtet.

Der Regisseur selbst ist wie der Großteil seiner Schauspieler gegen die geplante Tieferlegung des Bahnhofs. Durch die Schlichtung hat er zwar seine Meinung nicht geändert, allerdings sieht er „Stuttgart 21“ und das Alternativkonzept „Kopfbahnhof 21“ jetzt differenzierter. „Beide Seiten mussten Federn lassen.“ So hätten die Befürworter zugeben müssen, dass sie keinen Fahrplan haben, und die Gegner, dass ihr Konzept doch nicht ganz so billig ist wie zuerst dargestellt. „Es war wichtig, dass das stattfand“, meint Küster.

Bei der Auswahl der Schauspieler habe er teils Wert auf eine gewisse äußere Ähnlichkeit gelegt, teils auf die Eigenschaften. Rosenberger, der Palmer zum Verwechseln ähnlich sieht, will seine berühmte Vorlage jedoch nicht nachahmen. „Das wäre langweilig, wenn man als Abziehbild da sitzt“, sagt er. Vielmehr gehe es darum, zu übertreiben und zu überspitzen.

Miklós Horváth spielt Heiner Geißler, auch wenn dies für den Zuschauer auf den ersten Blick nicht gleich zu erkennen ist. „Ich wollte jemanden, der Geißler nicht ähnlich sehen muss, sondern der als Typ eigenständig ist“, sagt Küster dazu. Im Lied „Böse Buben“ etwa singt der Geißler-Darsteller sich mit Blick auf den umstrittenen Polizeieinsatz vom 30. September 2010 in Rage.

Für die Musik hat Regisseur Küster bekannte Songs umgetextet. So wird aus Abbas „Money, Money, Money“ in Stuttgart „Tunnel, Tunnel, Tunnel“, der Titelsong aus „Phantom der Oper“ handelt im Studio Theater vom „Phantom der Gegner“ und bezieht sich auf das Alternativkonzept „Kopfbahnhof 21“. Von den Tiger Lillies entlehnte Küster das Stück „Bully Boys“ und machte daraus „Böse Buben“.

Bis Mitte Juni sind 14 Aufführungen des Musicals geplant. Für Küster wäre es das „i-Tüpfelchen“, wenn Heiner Geißler persönlich vorbeikäme. Nach der Sommerpause könnte das Stück wieder aufgenommen werden. Küster denkt auch schon an eine überregionale Inszenierung: Er hat sich mit dem Stück beim Dresdener Festival „Politik im Freien Theater“ beworben. Seine sieben Darsteller können sich auch eine Tournee gut vorstellen. „Wir hoffen schon, dass wir damit ein bisschen im Ländle rumkommen“, sagt Lucia Schlör.