Philharmoniker servieren nüchterne Romantik

Hamburg. Acht- bis Zwölfjährige haben sich wohl kaum die Nacht zum Sonntag auf der Reeperbahn um die Ohren geschlagen, um Lena zu feiern. Trotzdem muss sich der "Ohrenspitzer" am Sonntag sehr nutzlos gefühlt haben, das kindgerechte Zettelchen, das den Programmheften der Philharmonischen Konzerte beiliegt - kein Kind hockte in den schütter besetzten Reihen.

Wohl nicht ganz zufällig: Das romantische bis spätromantische, jedenfalls kalorienhaltige Programm, das die Philharmoniker und die als Assistentin von Simone Young Ende der Saison scheidende Karen Kamensek servierten, konnte einem am Sonntagmorgen schon schwer im Magen liegen, so interessant es auch gemacht war.

Die raffinierten Bilder von Sergej Rachmaninows sinfonischer Dichtung "Die Toteninsel" malte das Orchester, besonders das wohltönend homogene Bläserensemble, säuberlich aus. Kamensek steuerte die Musiker umsichtig und sympathisch allürenfrei - aber auch eine Spur zu nüchtern geradeaus. Da verschlug einem nichts den Atem, keine Tempodehnung und kein extremes Pianissimo, und der Streicherklang blieb beliebig.

Die Sopranistin Deborah Polaski trat für Arnold Schönbergs "Sechs Orchesterlieder" (spätromantisch, auch wenn Schönberg draufsteht) in einem bunt wallenden Priesterinnentalar auf, als wollte sie wie auf einem Klimt-Gemälde in ihrer Umgebung aufgehen. Das tat sie dann auch, leider zu sehr: Immer wieder geriet die Orchesterbegleitung zu laut, sodass von Polaskis klarer Diktion nichts als die Konsonanten blieben. Bei aller Bewunderung für die darstellerische Intensität der 61-Jährigen fiel im Konzertsaal doch mehr auf als auf der Opernbühne, dass ihre Stimme keinen jugendlichen Schmelz mehr hat. Sie klang monochrom, das Vibrato schlackerte, und bei Piano-Tonansätzen brach sie gelegentlich aus.

In Tschaikowskys Fünfter schließlich fanden die Streicher zu einem runden Gesamtklang, und die Bläser leuchteten. Dániel Ember am Horn machte das liedhafte Thema des langsamen Satzes zu einem Herzstück des Werks. Mit ihren eingängigen Melodien und Effekten sorgte die Musik über weite Strecken fast von selbst für die Spannung, deren Fehlen das Publikum zuvor mit ungeniertem Räuspern und Schnäuzen quittiert hatte.