Literatur

Autorin Hilal Sezgin pfeift auf Klischees

Foto: Patrick Piel

Die muslimische Autorin Hilal Sezgin liebt die Provinz. Dort hat sie in Ruhe einen leichten Roman über das schwere Thema Extremismus geschrieben.

Lüneburger Heide. Puri ist ein bildschöner Hahn, schwarz-weiß gefiedert mit tomatenrotem Kamm. Nur wenn er kräht, klingt er wie eine heisere Waschmaschine. "Er übt noch", sagt Hilal Sezgin entschuldigend. Das sollte er auch, seine 15 Hühner haben Erwartungen auf ein bisschen Glück. Hilal Sezgin hat sie vor dem Schlachten gerettet.

Ihr ganzer kleiner Hof ist eine Art Rettungsinsel, "mein Gnadenhof", sagt sie. Inzwischen versorgt sie neben den Hühnern auch 39 Schafe, vier Ziegen, die Gänse Esmerald und Gwennifer und zwei Katzen. Das ist derart viel Arbeit, dass sie sich selbst wundert, wie sie es geschafft hat, wieder ein Buch zu schreiben: "Mihriban pfeift auf Gott".

Das Leben einer muslimischen Publizistin stellt man sich urban vor, nicht in einem ausgebauten Häuschen in der Lüneburger Heide. Zumal sich Sezgin bei ihrer Arbeit auf das schwierige Verhältnis zwischen Muslimen und deutschen Nichtmuslimen konzentriert wie auch auf das Verhältnis der Muslime untereinander. Ein ständiger Perspektivenwechsel. Da ist der Hof Ruhepunkt und Beobachtungsposten zugleich.

Die Heldin ihres neuen Romans hat Sezgin in ein anderes Umfeld verfrachtet, wo die Kulturen aufeinanderprallen: nach Berlin. Mihriban und ihr Bruder Mesut, ein Computerfachmann, sind dort in einer säkularen Familie aufgewachsen. Umso irritierter beobachtet Mihriban, eine fröhliche "Nichtskönnerin, aber auf allerhöchstem Niveau", dass ihr Bruder immer frömmer wird.

Bislang war dieser Allah "wie ein entfernter Verwandter, der woanders lebt". Mesut jedoch, ein durchaus liebenswerter, ernsthafter junger Mann, empfängt plötzlich arabisch sprechende Freunde, die alte Hodscha in der Kreuzberger Hinterhofmoschee genügt ihm nicht mehr, er betet jetzt fünfmal am Tag. Nach einem Terroranschlag mit vergiftetem Silvestersekt wächst in Mihriban die Unruhe. Mesut lehnt Alkohol ab. Merkwürdige Zufälle passieren. Hat er mit dem Anschlag zu tun?

"In dem Buch kommen zwei völlig unterschiedliche Muslime vor und ganz andere, als ich es bin", sagt Hilal Sezgin entspannt bei einer Tasse Tee. "Mesut ist strenggläubig und hält sich sehr an Traditionen. Mihriban ist eine Frau, die eine Religiosität ablehnt, die sich vor allem über Verbote definiert."

Damit sei sie keine Ausnahme, betont Sezgin, sondern eher die Regel. Mihriban tanzt gern, trinkt Bier, führt mit ihren Freundinnen Beziehungsgespräche, hilft ihrer Nichte bei den Hausaufgaben und guckt lieber "Sex and the City" als Tagesschau.

In diese kleine Welt schleicht sich der Terrorverdacht. Es sei sehr anregend gewesen, sich in diesen Konflikt hinein zu versetzen, sagt Sezgin. "Ich habe mich gefragt: Was unterscheidet einen islamischen Terroristen von anderen Gläubigen? Ist es nur System- oder Globalisierungskritik? Man denke an die linken deutschen Terroristen. Die hatten aber ab einem bestimmten Punkt die Anmaßung, die Moral alleine in die Hand zu nehmen." Die Verengung auf die "reine Lehre", die Rechtgläubigkeit, sei das Entscheidende, meint sie. "Die meisten Menschen haben starke weltanschauliche Überzeugungen und wissen trotzdem, dass andere es anders sehen. Zu dieser Erkenntnis sind nicht nur postmoderne Menschen fähig. Ich kenne viele fromme, sehr einfache Menschen mit großer Toleranz. Terroristen entwickeln offenbar einen moralischen Rigorismus, der ihnen keine Erlaubnis zu diesem Pluralismus gibt."

Sezgin hat sich bei der Recherche intensiv mit Innen- und Sicherheitspolitik befasst, Computerexperten befragt. Auch wenn ihr Romanszenario, das auch die Reaktion des Staates nicht unkritisch beschreibt, fiktiv bleibt: Sie ist beunruhigt über die Ausmaße geheimdienstlicher Eingriffe und die Vorstöße zur Vorratdatenspeicherung.

Draußen vor dem Fenster haben sich ihre Schafe friedlich zum Wiederkäuen ins Gras gelegt. Drinnen spricht Sezgin über Terrorgefahr. Diesen Spagat müsse sie aushalten, sagt sie. Diesen und andere. In einem Forum des Deutschen Ökumenischen Kirchentags hat sie einmal mit einem katholischen Priester und einer Rabbinerin über Glaube in der säkularen Welt diskutiert. Sie ist zur Brückenbauerin geworden.

Beabsichtigt war das nicht. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie und entdeckte erst bei einem Praktikum beim Hessischen Rundfunk, dass Schreiben ihre Leidenschaft und ihr Talent ist. "Mihriban pfeift auf Gott" ist neben den Selbsterfahrungsberichten und Unterhaltungsromanen muslimischer Autorinnen auf dem deutschen Markt ein Novum: der Versuch, mit den Mitteln der leichten Belletristik einen Aspekt der Islamdebatte zu hinterfragen. Mihriban erweist sich als belastbare Heldin. Sie hat enormen Witz und ist tatkräftig - wie ihre Schöpferin.

Der Ganter Esmerald im Garten scheint das zu wissen. Er lässt die Terrassentür nicht aus dem Blick: Gleich ist Fütterzeit. Hilal Sezgin muss wieder retten gehen.

Hilal Sezgin: Mihriban pfeift auf Gott. Dumont, 350 Seiten, 16,95 Euro