Es geht um insgesamt 30.000 Werke. Witwe des früheren Kunsthochschul-Präsidenten kämpft vor Gericht um Vermächtnis ihres Mannes.

Hamburg. Kommt die legendäre Kunstsammlung des ehemaligen Kunsthochschul-Präsidenten Carl Vogel und seiner Frau Carin unter den Hammer? Hängen die wertvollsten Stücke bald bei Kunstliebhabern in aller Welt? Die Vogels hatten in mehr als 40 Jahren 30.000 Kunstwerke zusammengetragen, deren Wert von Kennern der Sammlung auf mehr als zehn Millionen Euro veranschlagt wird.

Die Witwe des im Jahr 2006 gestorbenen Kunstprofessors hat die komplette Sammlung im selben Jahr einer Firma mit dem Namen "Stiftung zur Förderung von Innovationsprozessen in gemeinnützigen Einrichtungen - die Stiftungsförderungs-GmbH" geschenkt, damit das Vermächtnis ihres Mannes erfüllt werden kann: die vollständige Sammlung in einem eigenen Museum allen Hamburgern zugänglich zu machen. Jetzt fühlt sich die noble Schenkerin getäuscht. Sie versuchte gestern in erster Instanz erfolglos, zwei geplante Versteigerungen wertvollster Stücke aus der Sammlung Vogel zu verhindern.

Auch wenn sie scheiterte: Was gestern im Saal A237 des Landgerichts Hamburg am Sievekingplatz verhandelt wurde, hat alle Zutaten für einen der spektakulärsten Hamburger Kunstkrimis der vergangenen Jahrzehnte. Es geht um viele Millionen Euro, den womöglich geplatzten Lebenstraum eines Sammlerehepaars und die verschlungenen Wege, auf denen sich die Sammlung nach und nach auflöst.

Denn während Carin Vogel, 68, von aktuellen Plänen für ein "Museum C. & C. Vogel" bisher noch nichts bekannt ist, sollen am 1. Juni um 16 Uhr in Köln vom angesehenen Auktionshaus Lempertz 200 Werke aus "ihrer" Sammlung versteigert werden. Ein Kunstpaket mit glanzvollen Namen: Gemälde, Fotografien, Objekte und Zeichnungen unter anderem von Joseph Beuys, Dieter Roth, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Blinky Palermo, Richard Hamilton, Andy Warhol und Hanne Darboven. Die Mindestgebote addieren sich auf knapp über 1,4 Millionen Euro. Ein deutlich höherer Erlös ist zu erwarten.

Am selben Tag bereits um 10 Uhr kommen beim Lempertz-Partnerhaus Venator & Hanstein 600 Druckgraphiken ebenfalls aus der Sammlung Vogel unter den Hammer - das Spektrum reicht von Klinger und Munch über Geiger, Paolozzi, Tàpies bis zu Polke. Ein Kunstexperte sagt, dass die jetzt zur Auktion stehenden Kunstwerke das Herz der Sammlung gebildet haben. Misstrauisch geworden war Carin Vogel offenbar schon 2008: Im Mai jenen Jahres sind bei Lempertz in Köln schon einmal Werke von Sigmar Polke aus der Sammlung Vogel versteigert worden. Damals sollen mehr als 600.000 Euro erlöst worden sein.

Carin Vogel, die gesundheitlich schwer angeschlagen ist und für die seit mehr als einem Jahr eine Betreuerin bestellt ist, ist empört. Sie, ihre Betreuerin und ihre Anwältin - ebenfalls eine alte Freundin der Familie - werfen der Stiftung arglistige Täuschung vor; diese hätte die Sammlung nur über einen sittenwidrig zustande gekommenen Vertrag an sich gebracht, um sie jetzt zu Geld zu machen. Carin Vogel habe zum Zeitpunkt der Schenkung aus gesundheitlichen Gründen nicht die Auswirkungen ihrer Handlung überblicken können.

Carl Vogel, Jahrgang 1923, bezeichnete sich selbst als "pathologischen Fall" und "passionierten Extremsammler". Der studierte Pädagoge, Psychologe und Kunsthistoriker kam 1962 an die Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld, die er von 1976 bis 1989 als Präsident leitete. Auch seine Frau Carin war begeisterte Sammlerin. Sie besaßen sowohl Werke weniger bekannter Hamburger Künstler als auch von Schülern sowie von Professoren der Hochschule, von deutschen Künstlern und Spitzenstücke international bekannter Künstler.

Vogel sammelte alles, was er bekommen konnte. Bekannte Künstler, die er als Gastprofessoren an die Hochschule verpflichtete, schenkten ihm oft eigene Werke, er tauschte manches gegen Naturalien - Stifte, Zeichenblöcke - und durchsuchte sogar, so erzählt man sich noch heute, die Papierkörbe von namhaften Gastkünstlern nach weggeworfenen Skizzen.

Mit viel Geduld führte der Vorsitzende Richter Wolfgang Godglück die von Emotionen geprägte Verhandlung vor dem Landgericht. Carin Vogel war selbst nicht im Gericht und wurde von ihrer Betreuerin und der Anwältin vertreten. Beide schilderten, wie ihrer Ansicht nach Carin Vogel schon mit der Schenkung hinters Licht geführt worden sei. Es gebe nicht einmal eine präzise Auflistung, welche Exponate zu der Sammlung gehörten. Carin Vogels Einwände und ihr Widerstand - zum Beispiel rund um die erste Versteigerung von Polke-Werken 2008 - seien immer wieder nicht berücksichtigt worden.

Carin Vogels Rechtsvertreter machten gestern geltend, schon der Schenkungsvertrag zwischen Carin Vogel und der Stiftungs-GmbH hätte nicht zustande kommen dürfen, da sie aus gesundheitlichen Gründen schon damals nicht mehr geschäftsfähig gewesen sei. Eine vom Richter vorgeschlagene gütliche Einigung, nach der Carin Vogel ein Teil des Kölner Auktionserlöses zugestanden werden sollte, ließ die Stiftungsförderungs-GmbH durch ihre Anwältin ablehnen. Den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen die geplanten Versteigerungen lehnte das Gericht ab, weil die Geschäftsunfähigkeit von Carin Vogel in diesem Verfahren nicht glaubhaft gemacht worden sei. Weitere Gründe: Die Anfechtung des Schenkungsvertrags sei zu spät erfolgt und der Widerruf der Schenkung damit unwirksam.

Pikantes Detail: In der Verhandlung wurde bekannt, dass die Werke sich gar nicht mehr im Eigentum der Stiftungs-GmbH befinden - sie wurden kürzlich an die vor einem guten halben Jahr gegründete IGB Kunst GmbH in Hamburg verkauft, die mit zeitgenössischer Kunst handelt.