Humor-Gipfel

Viktor Hacker: Öffentlicher Personennahkampf

Gute Texte, unwiderstehliche Stimme – das ist Viktor Hacker

Gute Texte, unwiderstehliche Stimme – das ist Viktor Hacker

Foto: Roland Magunia

Oft wird ja auch heute noch leichtfertig die Überzeugung geäußert, S- und U-Bahnen dienten der Fortbewegung. Man beträte sie, um irgendwo hingebracht zu werden. Nun, das hat in Deutschland zwar eine gewisse Tradition, aber das ist natürlich nicht das oberste Ziel.

In Hamburg beispielsweise ist der Öffentliche Personennahverkehr vielmehr ein Ort der Ruhe, der Kontemplation, des Wartens, des Begreifens von Stillstand. Und ein Ort der Begegnung. Mit Mitmenschen etwa. Die dabei auch gern kommunizierend ins Leben der anderen treten.

Manchmal wunderbar misanthropisch – wie die beiden Mädels, die aus dem Fenster schauend den sommerlichen Hamburger Horizontalregen begutachten: „Boah, guck’ dir dieses Mistwetter an. Ich hasse Wetter!“ „Wetter ist aber immer.“ „Ja, und ich hasse es immer!“

Herrlich! Doch es gibt natürlich auch bizarrere Beispiele. Etwa das sich gegenübersitzende Seniorengespons auf der anderen Gangseite. Es tauscht Heimlichkeiten aus. Um die nötige Diskretion zu wahren – die Familien-Interna gehen schließlich niemanden etwas an – beugen sie sich alle paar Sekunden vor und stecken bedeutungsschwanger die Köpfe zusammen.

Der Informationstransfer könnte mir selbstverständlich vollkommen egal sein. Sollte mich nicht interessieren. Leider weckt das unaufhörliche Gezischel und Getuschel unwiderstehlich meine Neugier. Würden sie normal sprechen, könnte ich es mühelos ignorieren. Aber dieses konspirative Gehabe fesselt meine Aufmerksamkeit. Und so bin ich drei Stationen weiter über Tante Irmgards Blasenschwäche voll im Bilde.

Ich weiß jetzt Dinge, über die ich nie Kenntnis erlangen wollte. Die ich mir nicht einmal in meiner krankesten Fantasie vorzustellen vermochte. Und die überdies vermutlich nie mehr aus meinem Kopf verschwinden werden… Da bei mir jetzt aber trotzdem noch Fragen offen geblieben sind, richte ich das Wort an die beiden: „Ich bitte um Entschuldigung – das im Mittelteil mit dem Onkel Hermann ist mir nicht ganz klar geworden – hatte der nun diese leidige Angelegenheit mit der schmerzhaften Hoden-Entzündung hinter sich gebracht oder kam die Sache mit dem Blut im Stuhl noch obendrauf und er und Tante Irmgard sitzen jetzt zusammen bei dem Arzt mit der chronischen Schuppenflechte?“

Doch dann fesselt ein Werbe-Display direkt hinter ihnen meine Aufmerksamkeit: „Sauna. Düfte. Erleben. Genießen Sie exklusiv den Bäderland-Elbduft.“ Abgesehen von der abenteuerlichen Interpunktion im Anfangsteil fesselt insbesondere der letzte Abschnitt meine hanseatische Aufmerksamkeit. Und die Neugier einer im industriellen Hafenviertel Wilhelmsburg verbrachten Kindheit. „Elbduft“. In der Sauna. Ernsthaft? Wie ich mir das wohl vorstellen darf? Ein Hauch von Dieselkraftstoff an Schweröl-Atmo, garniert mit totem Fisch, Wollhand-Krabben-Verdauung und dezenter Wasserleichen-Appearance? Das Ganze aufgekocht bei 85°C Raumtemperatur, verwirbelt per Handtuch im zischenden Dampfausbruch des Aufgusses... Hmm, das könnte in der Tat ein, äh, einmaliges Erlebnis werden. Ich will das unbedingt ausprobieren, denke ich noch, als mich plötzlich eine Menschenwand zurück auf den Sitz drängt: Wir sind im Hauptbahnhof angekommen, die Türen haben sich geöffnet und ein Tsunami von Feierabendmenschen ergießt sich in den Waggon.

Im Nu werden die Gesichter der Sitzenden platzsparend eingerahmt von Körperteilen der Stehenden. Getrieben vom kleinen Hunger zwischendurch zaubert die engagierte junge Frau neben mir in der Vierer-Sitzgruppe eine große Tupperdose plus glänzendem Besteck aus ihrer voluminösen Weekendertasche hervor.

Zwar prangt auf dem Deckel ein riesiger peta-Sticker, als jedoch das Behältnis geöffnet ist, sich das Aroma des Inhalts richtig entfalten kann sowie ein klein wenig Soße auf den Boden gekleckert ist, könnte ich schwören, dass es sich bei der Mahlzeit nur um einen ungekochten, allerdings schon vor vielen Wochen verendeten Skunk handeln kann. Frohgemut verleibt sie sich die Leckerei mit raumgreifendem Löffelschwingen ein.

Uns Mitreisenden bleibt nur die Hoffnung, dass sie nicht noch auf ihr Dessert in Gestalt des berühmten isländischen Mürbe-Rochen-Puddings besteht, dessen Anwesenheit ich schon erahnen kann…

ÖPNV – der Kampf geht weiter!

Viktor Hacker ist Poetry-Slammer und Türsteher; Termine: 27.8., Nochtspeicher („Grenzenlose Ärzte“ – eine szenische Lesung), 26.9., Imperial Theater („Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“); Bücher: „Dumm & brutal – das Buch zur Türsteher­lesung“„Zeit für Zorn“; www.viktorhacker.de