Sprachentwicklung

„Stotterer müssen quasi neu sprechen lernen“

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Timo Lindemann

Alexander Wolff von Gudenberg hat eine Therapie entwickelt, die Menschen in einem Online-Kurs vom Stottern befreien soll. Er weiß, wie es ihnen geht – er ist selbst von der Sprachstörung betroffen.

Stottern ist oft nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für den Zuhörer beklemmend. Kasseler Experten wollen über das Internet helfen. In virtuellen Sitzungen sollen stotternde Menschen üben, eine Rede zu halten oder zu telefonieren.

Stotternde Menschen zum flüssigen Sprechen zu bringen, das ist das Ziel der Kasseler Stottertherapie. Die Therapiemethode will das Institut nun auch über das Internet möglich machen. Eine komplette Heilung werde es online aber ebenso wenig geben wie in der Präsenztherapie, sagt Alexander Wolff von Gudenberg. Er ist Facharzt für Stimm- und Sprachstörungen, Gründer der Kasseler Stottertherapie – und selbst von der Sprachstörung betroffen.

Fehlt bei der Online-Therapie nicht der persönliche Kontakt?

Alexander Wolff: Berechtigte Frage, die sich auch viele unserer Therapeuten gestellt haben, bevor wir angefangen haben. Gezeigt hat sich, dass es durchaus möglich ist, eine sehr enge und vor allen Dingen konzentrierte Arbeitsbeziehung aufzubauen, die zum Teil effizienteres Arbeiten ermöglicht als eine reine Präsenztherapie mit allen Ablenkungen. Davon konnten sich dann unsere zwölf Online-Therapeuten in unserem Team überzeugen. Alle Zweifel sind verflogen.

Wie kann stotternden Menschen geholfen werden?

Wolff: Stottern ist eine neurophysiologische Störung mit einem hohen erblichen Anteil. Es ist der Zusammenbruch der Koordination von Atmung, Stimme und Artikulation unter Stress. Ziel einer Therapie ist es, quasi neu sprechen zu lernen mit einem weichen, gebundenen und verlangsamten Sprechmuster, das völlig anders klingt als alte, eingefahrene, falsche Muster. Dieses anfangs unnatürlich klingende Sprechen wird dann allmählich normalisiert, indem die eigene Melodie, Betonung und Sprechgeschwindigkeit wieder eingebracht wird.

Wie funktioniert die Online-Stottertherapie?

Wolff: Voraussetzung zum Arbeiten ist neben sehr viel Erfahrung eine Plattform, die den Erfordernissen einer Sprachtherapie gerecht wird. Das geht mit dem Videochat-Dienst Skype zum Beispiel nicht, deshalb haben wir eine eigene Plattform namens „freach“ programmieren lassen. Man kann damit die meisten Elemente einer Präsenztherapie in den virtuellen Raum bringen. Die Patienten sitzen um einen virtuellen Tisch mit einem Therapeuten, der das Mikrofon oder auch die Maus vergeben kann und so Rede- oder Schreibrecht erteilt. Lektionen, Schaubilder, Verlaufsberichte, aber auch Videos können hochgeladen werden. Weitere Übungen sind zum Beispiel das Lesen zu zweit, Telefonieren oder Reden halten, das geht auch in Parallelräumen unter Supervision des Therapeuten. Es werden auch Übungseinheiten mit Video aufgenommen und in der virtuellen Sitzung gemeinsam ausgewertet.

Woher wissen Sie, dass es online funktioniert?

Wolff: Wir haben eine große Vergleichsstudie über 18 Monate vorangestellt. Nach fast 2000 Stunden Online-Therapie an Hunderten von Patienten in der Nachsorge in der Kasseler Stottertherapie – was so weltweit noch nie gemacht wurde – und den Erfahrungen reiner Online-Therapie an mehreren internationalen Patienten, unter anderem in Brasilien, Kuwait, Portugal und Kolumbien, haben wir jetzt das Know-how, um eine reine Online-Therapie gut und verantwortungsvoll durchzuführen.

Und wie stehen die „Heilungschancen“?

Wolff: Nach unserer Therapie können die meisten Teilnehmer flüssig sprechen. Eine komplette Heilung gibt es in der Online-Therapie aber ebenso wenig wie in der Präsenztherapie. Eine erfolgreiche Kompensation der neurologischen Schwäche mit sehr flüssig klingendem Sprechen ist aber ein sehr realistisches Ziel.

Dr. Alexander Wolff von Gudenberg (57) ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Stimm-und Sprachstörungen. Er studierte Humanmedizin in Berlin und Hannover. In seiner Doktorarbeit verglich er Stottertherapien im deutschsprachigen und englischsprachigen Raum.