Der Hamburger Streitatlas

Miete, Auto, Handy: City-Bewohner nutzen am häufigsten den Rechtsweg, Lokstedter dagegen nur selten

Laute Nachbarn, falsche Ware und fehlerhafte Rechnungen – viele Hamburger sind davon so sehr genervt, dass sie ihr Recht juristisch durchsetzen wollen. Besonders streitbar sind die Hamburger in Steinwerder, Hammerbrook, Rothenburgsort, in der Altstadt, HafenCity und Neustadt. Diese Stadtteile nehmen im Hamburger „Streitatlas“ der Rechtsschutzversicherung Advocard in einer Rangliste der 103 Stadtteile die ersten sechs Plätze ein (der 104. Stadtteil – Neuwerk – wurde nicht berücksichtigt). Am friedfertigsten ist man in Hoheluft-West, Schnelsen und Iserbrook: Sie belegen Ränge 101, 102 und 103.

Die Versicherung Advocard mit bundesweit 1,4 Millionen Kunden und Hauptsitz in Hamburg hat mehr als eine Millionen Streitigkeiten von Privatpersonen aus dem Jahr 2012 in ganz Deutschland ausgewertet – darunter auch repräsentativ für die Hansestadt. Während bundesweit die Berliner die streitlustigsten Deutschen sind, nehmen die Hamburger in Norddeutschland den Spitzenplatz und in Deutschland den zweiten Rang ein. Kamen in der Bundeshauptstadt im Jahr 2012 auf 100 Einwohner 26,2 Streitfälle, so waren es in Hamburg 24,3 in Niedersachsen aber nur 19,9.

In der Stadt selbst gibt es deutliche regionale Unterschiede. Wer in Steinwerder, einem Stadtteil mit relativ wenigen Einwohnern, in Hammerbrook, der Altstadt und Rothenburgsort wohnt, streitet sich doppelt so häufig wie die Bewohner von Hohenfelde, Eilbek, Lokstedt und Hoheluft-West. Die Zahl der Streitfälle pro 100 Einwohner beträgt in Steinwerder 43,9, in Hammerbrook 42,1, in der Altstadt 40,2, in Rothenburgsort 39,6, in der HafenCity 38,7 und in der Neustadt 37,4. Auch auf St. Pauli fliegen gern mal die Fetzen (31,6 Fälle pro 100 Einwohner). Friedlicher geht es dagegen in Lokstedt (19,7), Hoheluft-West (18,7), Schnelsen (18) und Iserbrook (16) zu, die Insel der friedfertigsten Hanseaten. Die Gründe für diese Differenzierung sind unterschiedlich. Sie liegen in der Alters- und Sozialstruktur sowie im Zeitbudget, das der Betreffende für einen Rechtsstreit einsetzen will. Aber auch die Bebauung und Ausstattung der Häuser spielt eine Rolle. „In einer Großstadt wie Hamburg mit entsprechender Wohnraumdichte gibt es mehr Auseinandersetzungen als im Umland“, sagt Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale.

Psychologen weisen auf das „allgemeine Erregungsniveau“ hin, das ein Stadtteil bei seinen Bewohnern erzeugt. „Straßenlärm, Geschäfte, Menschenmengen auf dem Weg zur U-Bahn, auch eine geballte Mischung aus Existenzängsten, Sorgen, Frustration führen zu einem permanent erhöhten Erregungsniveau des Einzelnen“, sagt der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Harry Siegmund vom Besser-Siegmund-Institut an der Mönckebergstraße. Das Fatale daran sei die Bereitschaft der betroffenen Menschen, auf kleinste Störungen überempfindlich zu reagieren. „Die Nerven liegen blank.“ Dann werde ein simples Anrempeln im Bus als „unerträglicher Übergriff“ empfunden.

Vor allem beim eigenen Auto verstehen die Hamburger keinen Spaß. Nicht von ungefähr steht die Hansestadt auf Platz 1 bei den Streitigkeiten im Bereich „Verkehr und Mobilität“, gefolgt von Bremen und Brandenburg. Am friedlichsten verhalten sich – wie grundsätzlich bei Dissonanzen im Alltag – die Bayern. Noch häufiger als über das Thema Verkehr muss sich die Rechtsschutzversicherung freilich mit Streitigkeiten bei privaten Konflikten befassen, die mit 36 Prozent die Mehrzahl der Kontroversen in Hamburg bilden. Da geht es um fehlerhafte Lieferungen nach einer Bestellung aus dem Online-Versandhandel oder auch um den Streit über Mobilfunkverträge, bei denen die Hamburger endlos in Hotline-Warteschleifen verbringen müssen. Jede sechste rechtliche Auseinandersetzung spielt sich im Arbeitsleben ab. Hamburg nimmt auf diesem Gebiet bundesweit den zweiten Rang ein – nach Brandenburg. Und 14 Prozent der Konflikte drehen sich in der Hansestadt um „Wohnen und Miete“. Die Gründe dafür liegen nach Ansicht von Christiane Lemberg, Fachanwältin für Miet- und Wohnungseigentumsrecht, zum Beispiel im gewachsenen Anspruchsdenken, bei dem die Mieter Qualitätsmerkmale von Neubauten ohne Einschränkung auf Altbauten beziehen. Zudem spiele die gewachsene „Rundum-Sorglos“-Mentalität eine Rolle: Wer regelmäßig Geld für eine Rechtsschutzversicherung ausgibt, will sie im Konfliktfall auch einsetzen. „Viele Kunden fragen dann erst gar nicht, ob das Sinn macht.“

Und wenn die Hamburger sich über laute Musik der Nachbarn (36 Prozent finden das nervig), Hundegebell (28Prozent), Kindergeschrei (17 Prozent) und andere Alltagsphänomene aufregen, gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In Hamburg, fanden die Statistiker heraus, brechen Männer mehr als doppelt so häufig einen Streit vom Zaun wie Frauen. Während die Hamburgerinnen in nicht einmal jeden dritten Streit (32,7 Prozent) verwickelt sind, liegt der Anteil der Männer bei gut zwei Dritteln (67,3 Prozent).

Auch hier gilt: Das Thema „Verkehr und Mobilität“ ist eine echte Männerdomäne. An den Streitigkeiten auf diesem Gebiet waren im vergangenen Jahr in 74 Prozent der Fälle Männer beteiligt, aber nur 26 Prozent Frauen.

Bei den Altersgruppen stellt die Gruppe der 36 bis 55 Jahre alten Frauen und Männer die Mehrheit. Deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt die Hansestadt auch beim Streitwert: In fast 40 Prozent der Fälle geht es um mehr als 2000 Euro (Bund: 37,8).

Straßenlärm, Geschäfte, Menschenmengen führen zu einem erhöhten Erregungsniveau.

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