Der Retter des deutschen Brotes

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Hans-Juergen Fink

Weltbäckerpräsident Peter Becker möchte traditionelle Rezepte als Weltkulturerbe schützen lassen

„Der Moment, wenn das frische Brot aus dem Ofen kommt. Das duftet einfach wunderbar!“ Dafür stellt sich Peter Becker, 67, immer wieder in seine Backstube und packt kräftig mit an. Der Weltbäckerpräsident ist keiner, der über hohen Ämtern und Lobbyarbeit vergessen hat, wo er herkommt. „20 bis 30 Prozent“ seiner 80-Stunden-Woche, sagt er, ist er im eigenen Betrieb aktiv. Unser morgendliches Gespräch findet zwischen der Arbeit in der Backstube und einer Haspa-Sitzung in der City statt, da ist er stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Der Geruch des frischen Brotes. An die 30 unterschiedliche Sorten backt er, dazu etwa 40 Sorten Brötchen. Und die Kuchen. „Raus aus dem Anzug, rein in die Bäckerkluft, ab in die Backstube – das ist für mich fast schon Erholung.“ Da zählt nicht mehr der Präsident, da zählt Erfahrung, der richtige Vorteig, viel Fingerspitzengefühl beim Teigmachen und das Händchen für den Ofen.

Sieben Verkaufsstellen sind es heute, die er mit seiner Frau Elfie und Tochter Wiebke betreibt. Doch Becker ist keiner, der still vor sich hinbacken würde. Er tauscht sich gern aus, in der Innung. „Und wer mitredet, muss auch selbst Verantwortung übernehmen, nur nörgeln geht gar nicht.“ Ämter laufen wie von selbst auf ihn zu, einmal nur hat der bestens vernetzte, eloquente Mann auch Gegenkandidaten.

Seit 1983 arbeitet er in der Innung mit, 1992 wird er Obermeister in Hamburg. In der Handwerkskammer ist er von 1999 bis 2009 Präsident. Im Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks auch, dem steht er seit 2000 vor. Im europäischen Verband ist er „nur“ Vize. Im Weltverband „Union Internationale des Boulangerie et Boulangerie-Patisserie“ wird er 2008 zum Weltbäckerpräsidenten gewählt.

Am 1. Januar 2014 fusionieren die Bäcker mit den Konditoren, im spanischen Granada. Der Weltpräsident soll noch einmal Peter Becker heißen. Und dann ist Ende 2015 Schluss für ihn. „Altersgrenze.“ Er zuckt mit den Schultern, ein bisschen unfroh. Schließlich macht es ihm Spaß, Dinge zu bewegen. „Sicher, man braucht ein gewisses Maß an Ego.“ Zu tun gibt es genug für ein Handwerk, dessen Betriebe gegen Aufbäcker, Teiglinge, EU-Richtlinien und industrielle Fertigung anbacken. Die Bezeichnung Bäckerei möchte man schützen lassen, um den Unterschied deutlich zu machen. Das erfordert filigranes Definieren, wenn Bäcker selbst Filialbetriebe führen, die hinten keine Backstube haben.

„Die deutsche Brotvielfalt ist einzigartig“, sagt Becker, „300 Brotsorten und mehr als 1200 Kleingebäcke. Wir bereiten einen Antrag vor, das von der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.“ Das wäre mehr als ein hübscher Titel. Denn Weltkulturerbe steht unter besonderem Schutz, daran würden sich viele EU-Richtlinien zur Normierung die Zähne ausbeißen. Listig und gut für den Erhalt traditioneller Rezepte.

Becker versucht als globaler Lobbyist, für seinen Beruf neue Bedeutung zu setzen. „Keiner würde verhungern, wenn es uns Bäcker nicht gäbe, dann hätten wir eben alle Fabrikbrot. Aber wir garantieren ein Stück Lebensqualität, Auswahl und Genuss.“