Vom Schlachthof auf die Weltmeere

Maria Marquardt verschifft Autos nach Afrika. Und hilft dort auch Waisenkindern und Schulen

Maria Marquardt gehört zu einem erlesenen Kreis. Denn unter den Tausenden Menschen, die im Hamburger Hafen ihr Geld verdienen, sind Frauen klar in der Minderheit. In Führungspositionen gibt es gar nur eine Handvoll. Maria Marquardt gehört dazu. Sie ist Chefin eines internationalen Schifffahrts- und Speditionsunternehmens, das sogar ihren Namen trägt: Maria Shipping. Und die 48-jährige Unternehmerin hat sich auch außerhalb des Hafens einen Namen gemacht.

Dabei kam sie eher auf Umwegen zu ihrem heutigen Beruf: Im Jahr 1991 war Marquardt als alleinerziehende Mutter einer zweijährigen Tochter aus Polen nach Deutschland gekommen. Sie stammt aus einem kleinen westpommerschen Dorf zwischen Swinemünde und Kolberg, hat Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium gemacht und Bürokauffrau gelernt. Um Geld zu verdienen, zog es sie in die Stadt, die sie nur von einem Besuch her kannte, Hamburg.

Hier schlug sie sich eher schlecht als recht durch, fand Arbeit am Schlachthof. Doch der Job ließ sich nicht mit der Erziehung ihrer Tochter vereinbaren. Also suchte Marquardt eine neue Herausforderung, in der Exportabteilung einer Spedition. Ihr Chef nahm sie unter seine Fittiche. „Von ihm habe ich alles gelernt, was ich über das Geschäft weiß.“ Sie spezialisierte sich darauf, Ladung in den Nahen Osten und nach Westafrika zu versenden. Doch vor knapp drei Jahren war damit Schluss. Ihr Chef eröffnete der Polin, dass er das Unternehmen verkauft. Und Maria Marquardt fing wieder neu an. Ihre damalige Situation war nicht einfach: Sie war alleinstehend, hatte die Tochter zu versorgen und immer noch keine gesicherte Zukunft. „Da sah ich dieses Schild: ,Büroräume zu vermieten‘, erzählt sie. Das sei die Initialzündung für sie gewesen. „Ich wollte mich beweisen und gründete mein eigenes Speditionsunternehmen.“ Zwei Jahre ist das her.

Und der Erfolg lässt sich ablesen: „Maria Shipping“ prangt groß an der Tür eines Bürohauses, mitten in Rothenburgsort. Rundherum sitzen weitere Spediteure und vor allem Autohändler. Auf der Straße nur Männer. Im Geschäftsraum zwei Frauen. Marquardt und ihre inzwischen erwachsene Tochter, die vor einem Jahr in den Betrieb ihrer Mutter eingestiegen ist.

Ihre Kunden sind ausnahmslos Männer. In der Regel handelt es sich um Afrikaner, die in Deutschland leben, ein paar in Österreich, Polen und der Schweiz. Sie wollen Autos in ihre Heimatländer exportieren. Marquardt kümmert sich um alle Papiere, Packlisten, Zolldeklarationen und sorgt für die Verschiffung. Rund 200 Autos, Laster, Busse oder Nutzfahrzeuge für die Landwirtschaft oder für den Bau verschifft sie monatlich nach Afrika.

Ihren größten Traum hat sie sich noch nicht erfüllen können: Endlich selbst nach Afrika zu reisen. Marquardt hat nämlich über ihre katholische Kirche private Beziehungen zu einer Mission in Kamerun aufgebaut und ein Hilfsprojekt auf die Beine gestellt. Die Mission führt ein Waisenhaus. Marquardt organisierte die Verschiffung eines Kleinbusses, den sie für den Fuhrpark der Mission erwarb. In privater Initiative sammelte sie Haushaltsgeräte, Kinderkleidung und Spielzeug, mit denen sie das Fahrzeug belud. Zuvor hatte Marquardt schon Schulen an der Elfenbeinküste und in Burkina Faso mit Computern versorgt. „Ich möchte, wenn möglich, jedes Jahr ein Projekt auf die Beine stellen“, sagt Marquardt.