Hamburg

Entstehen im Karstadt Wandsbek nach Schließung Wohnungen?

Karstadt an der Wandsbeker Marktstraße schließt zum 31. Oktober. Hier hatte Ernst Karstadt 1892 eines seiner ersten Kaufhäuser eröffnet.

Karstadt an der Wandsbeker Marktstraße schließt zum 31. Oktober. Hier hatte Ernst Karstadt 1892 eines seiner ersten Kaufhäuser eröffnet.

Foto: Michael Rauhe

Eigentümer prüft auch eine Erweiterung des Einkaufszentrums Quarree. Dahinter könnte eine neue Markthalle entstehen.

Hamburg.  Der König ist tot, lang lebe der König! Am 11. August erst verkündeten Karstadt und Eigentümer Union Investment Real Estate das Ende des Traditionshauses am Wandsbeker Markt. Schon wenige Wochen später schießen Spekulationen um die Zukunft des denkmalgeschützten Warenhauses ins Kraut.

Gerade erst sind die Verhandlungen um einen günstigeren Mietvertrag für den wankenden Kaufhauskonzern gescheitert, schon soll ein neuer Publikumsmagnet für Wandsbek her. Geschwindigkeit ist das Wichtigste für die Akteure. Alle wollen eine Hängepartie vermeiden. Denn ein längerer Leerstand könnte dem Wandsbeker Markt als Einzelhandelsstandort schwer schaden.

Bürger sollen an Prozess beteiligt werden

Konsens herrscht auch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Fast alle Beteiligten wollen sich offiziell nicht äußern. Im nächsten Atemzug bestätigen sie „Abstimmungsgespräche“, die mit Vertretern der Interessengemeinschaft der Geschäftsleute (City Wandsbek e. V.), dem Centermanagement des benachbarten Einkaufzentrums Quarree, der Bezirksverwaltung, dem Gebäudeeigentümer Union Investment und der Politik personell recht üppig besetzt sind.

„Wir wollen die Diskussion möglichst lange offenhalten und frühe Festlegungen in der Öffentlichkeit vermeiden“, erklärt der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bezirksfraktion, Frank Schwerin, die Haltung der Beteiligten. Als Hinterzimmer-Politik will er das nicht verstanden wissen, sondern als Brainstorming und als Beitrag zur Verhinderung früher Fraktionsbildungen, die eine schnelle Einigung erschweren würden. Der Bürger werde beteiligt werden, sagte Schwerin. Aber erst, wenn die Konzepte ausgegoren seien. Diskutiert wird trotzdem. Auch ohne Erlaubnis zur Fraktionsbildung.

Ein Mix aus Gastronomie und Wohnungen ist möglich

Für das Karstadt-Haus, das wie das Quarree nebenan der Union Investment gehört, gibt es insbesondere zwei Optionen. Die erste sieht eine Erweiterung des gerade in Renovierung befindlichen Quarrees vor. Also den Erhalt der Einzelhandelsflächen und der Verbindung zwischen den beiden Häusern, die dann beide vom Centermanagement des Quarrees betreut werden würden. Die zweite Option setzt auf gehobene Gastronomie in den unteren Etagen des Karstadt-Hauses und sieht Wohnungen für die oberen Stockwerke vor.

Eine Studie von City Wandsbek e. V. bescheinigt dem Standort Defizite bei der Gastronomie, deren Behebung auch dem Einzelhandel zugutekommen könnte. Das Karstadt-Haus könnte dafür jetzt unverhofft die nötigen Räume bieten. Als weiteren Magneten schlägt die Studie den Bau einer Markthalle vor. Sie soll hinter dem Quarree, geschützt vom Lärm der größtenteils sechsspurigen Wandsbeker Marktstraße, auf der städtischen Wochenmarktfläche entstehen. Das Aus für die Marktbeschicker?

Wohnungen bringen weniger Geld als Läden

„Auf keinen Fall“, heißt es aus der SPD, und „der Wochenmarkt bleibt erst mal da“, erklärt das Bezirksamt. Allenfalls der Standort könne sich mal ändern. Die Überlegungen zur Markthalle werden bestätigt. Auch das Amt wollte davon „mal gehört“ haben. Die Halle würde aber nur Teile der Marktfläche beanspruchen, und ihr Dach würde auch keineswegs nur die Marktbeschicker schützen, sondern auch einen zusätzlichen Street-Food-Markt. Letzterer soll neben dem klassischen Wochenmarkt, der in Wandsbek für seinen frischen Fisch berühmt ist, mit exotischen kulinarischen Genüssen Freunde des guten Essens anlocken und Kunden aus den Büros mit leckerem Mittagstisch überzeugen.

Außerdem könnten auf Teilen der Marktfläche eine Kita oder Räume für das Stadtteilzentrum „Kulturschloss“ entstehen, ohne den derzeit deutlich zu üppigen Platz für die Marktbeschicker wirklich einzuengen.

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Die Markthalle mit klassischem Wohnungsbau zu kombinieren, wie es gerüchteweise anklang, scheint derzeit keine echte Überlegung zu sein. Im Karstadt-Haus dagegen wäre das schon eine Option. Denn derzeit gibt es in Wandsbek eher ein Überangebot an Einzelhandelsflächen, wovon im Karstadt-Haus jetzt 28.000 Quadratmeter frei werden. Allerdings würde der Eigentümer Union Investment bei einem Verzicht auf Gewerbemieter auch Mieteinnahmen verlieren.

Wohnungen bringen weniger Geld. Aber zusätzliche Mieter brächten wie jetzt das eher zahlungskräftige Publikum im schicken neuen Brauhausviertel Kaufkraft zum Wandsbeker Markt, was den Standort langfristig stärken würde.

Neuer Bebauungsplan würde etwa zwei Jahre dauern

Für Schwerin sind diese Erörterungen „Parolen, die durch den Bezirk rollen und Einzelinteressen dienen. Da werden Versuchsballons gestartet, um am Echo abzulesen, welche Idee beim Publikum Chancen hat und welche nicht.“

Wirklich temporeich wird keine der angesprochenen Lösungen sein. Denn für die anstehenden Nutzungsänderungen im Karstadt-Haus muss das Baurecht geändert und dem Vernehmen nach ein neuer Bebauungsplan gemacht werden. Das dauert etwa zwei Jahre. Für die Planer in Wandsbek ein „angemessener Zeitraum“.

Für die Geschäftsleute aus City Wandsbek e. V. ist das dagegen „nicht schön“, aber offenbar längst als unumgänglich akzeptiert. „Die zeitlichen Vorläufe zeigen nur, dass man unverzüglich anfangen sollte“, sagte Holger Gnekow, Vorsitzender von City Wandsbek e. V. Das aus den 1960er-Jahren stammende Baurecht zwischen Wandsbeker Allee und Brauhausstraße ist für City Wandsbek e. V. eine Investitions- und Entwicklungsbremse.

Grüne wollen sich vor Entscheidung Expertise holen

„Das veraltete Baurecht bietet kaum Möglichkeiten“ sagt der stellvertretende City-Wandsbek-Vorsitzende und Quarree-Centermanager, Frank Klüter. Nötig sei es, den Mix von Wohnen und Gewerbe sowie höhere und tiefere Gebäude zuzulassen. Insgesamt acht Bebauungspläne in nebeneinanderliegenden Plangebieten stünden demnach zur Renovierung an.

Damit erst würde der Kern von Wandsbek in das Magistralenkonzept des Senats passen, das mehr Baumasse und Wohnungen an den Ausfallstraßen wie der Wandsbeker Marktstraße eta­blieren will. Und damit erst würde für das Karstadt-Gebäude eine Nutzung ermöglicht, die viele Beobachter für erstrebenswert halten: ein Mix aus Wohnen, Gewerbe und möglicherweise ergänzenden Mietern etwa aus dem kulturellen Bereich.

Die Grünen erklärten, man wolle sich vor einer Entscheidung zum Schicksal des Karstadt-Hauses „Expertise holen“. Das klingt nach einem (zeit-)aufwendigen Gutachten. Auf Nachfrage soll das allerdings wiederum „nicht so gemeint“ sein. Es ist eben noch vieles offen im Wandsbek nach Karstadt.

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