Wandsbeker Firma

Seca will neue Arbeitsplätze in Hamburg schaffen

Die beiden Brüder Robert und Frederik Vogel leitend as Hamburger Familienunternehmen Seca zusammen mit dem dritten Geschäftsführer Thomas Wessels (von links)

Die beiden Brüder Robert und Frederik Vogel leitend as Hamburger Familienunternehmen Seca zusammen mit dem dritten Geschäftsführer Thomas Wessels (von links)

Foto: Roland Magunia

Vor 175 Jahren entstand in Hamburg die erste Waagenfabrik Deutschlands. Heute sind die Mess-Systeme von Seca rund um den Globus gefragt.

Robert Vogel weiß sehr genau, was er wiegt. 91,6 Kilo bringt der 1,86 Meter große Chef der Hamburger Firma Seca auf die Waage. Das wäre fast ein bisschen viel, wäre da nicht der hohe Muskel- und geringe Fettanteil im Körper des durchtrainierten 45-Jährigen. „Der Fettanteil liegt bei mir bei 19,8 Prozent, das ist schon ziemlich niedrig“, sagt Vogel, der mehrmals in der Woche joggt und dazu auch noch ins Fitnessstudio geht.

Dass der Seca-Chef so genau über seinen Körper informiert ist, hat nicht zuletzt mit den Produkten zu tun, die die Wandsbeker Firma seit nunmehr 175 Jahren herstellt: Mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent sind die Hamburger Weltmarktführer für medizinische Waagen. Rund um den Globus setzen Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und auch Altenheime auf die speziellen Modelle aus der Hansestadt. Diese reichen von der grammgenauen Babywaage für die Frühchenstation über Bettwaagen für schwerkranke Patienten bis hin zu Sitz- und Rollstuhlwaagen für ältere Menschen.

Dabei haben die Hightech-Geräte, die teils in Hamburg und teils in China hergestellt werden, nichts mehr mit den einfachen mechanischen Modellen zu tun, die noch in der einen oder anderen deutschen Praxis zu finden sein dürften. „Wir investieren stark in die Forschung, um weltweit die innovativsten Geräte anbieten zu können“, sagt Frederik Vogel, 34, der das Familienunternehmen zusammen mit seinem Bruder und dem dritten Geschäftsführer Thomas Wessels leitet.

Das aktuelle Top-Modell von Seca kann daher nicht nur das Gewicht messen, sondern auch die Verteilung von Muskelmasse, Fett und Wasser im Körper sowie den Zustand der Zellen bestimmen und diese Daten automatisch an eine Datenbank im Krankenhaus weiterleiten. Die Messungen, die mithilfe eines schwachen elektrischen Stroms vorgenommen werden, gehen dabei in ihrer Genauigkeit deutlich über die von Geräten für den Hausgebrauch hinaus, die sich mittlerweile in jedem Elektronikmarkt finden. So lässt sich etwa an der Verteilung der Muskelmasse in den Armen erkennen, ob eine Seite wegen eines früheren Bruchs geschont wird oder welche Menge an schädlichem Bauchfett ein Patient angesetzt hat.

Positiv wirkt sich für die Hamburger aus, dass das Thema Übergewicht im Gesundheitssystem vieler Staaten eine immer größere Rolle spielt. „Viele Länder versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen, weil damit auch hohe Folgekosten für die Gesundheitssysteme verbunden sind“, sagt Robert Vogel. So steige durch starkes Übergewicht die Zahl der Gelenk- und Diabetes-Erkrankungen. „Unsere Geräte können dabei helfen, frühzeitig Risikopatienten zu erkennen und gegenzusteuern.“

Ein weiterer Trend, der Seca in die Hände spielt, ist die zunehmende Selbstvermessung im Alltag. Immer mehr Bundesbürger ermitteln mithilfe von Fitnessarmbändern oder Smartphones ihren täglichen Kalorienverbrauch, die Menge der zurückgelegten Kilometer oder den durchschnittlichen Puls. Solche Geräte für den privaten Einsatz haben die Hamburger zwar nicht in ihrem Programm. Aber viele Mediziner müssen jetzt mit professioneller Technik nachrüsten, um mindestens auf den Stand ihrer Patienten zu kommen.

Um etwa zehn Prozent ist der Umsatz von Seca im vergangenen Jahr gestiegen. Absolute Zahlen wollen die Geschäftsführer nicht nennen, doch es dürfte nicht mehr allzu lange dauern bis sie die 100 Millionen Euro-Grenze erreichen. Das größte Wachstum kommt dabei zum einen aus Nord- und Südamerika, zum anderen aus Asien. Sowohl die großen Krankenhauskonzerne in den Indus­trienationen interessieren sich für die Produkte aus Hamburg als auch diverse Entwicklungsländer. Erst vor Kurzem war Robert Vogel beispielsweise in Mexiko unterwegs, wo der Staat dem grassierenden Übergewicht im Land nun den Kampf angesagt hat.

Um für die erhöhte Nachfrage gewappnet zu sein, bauen die Vogels ihre Unternehmenszentrale am Hammer Steindamm gerade deutlich aus. Dazu haben sie ein angrenzendes Gebäude gekauft, in dem sich früher eine Filiale der pleitegegangenen Baumarktkette Max Bahr befand. Die Büroetagen über dem ehemaligen Baumarkt will Seca für die eigenen Mitarbeiter nutzen, im Erdgeschoss soll wieder ein Einzelhandelsgeschäft einziehen.

Den zusätzlichen Platz können die Seca-Beschäftigten gut gebrauchen, aufgrund diverser Neueinstellungen mussten die Chefs schon mehrere Bürocontainer auf dem alten Gelände aufstellen. Zu den aktuell rund 400 Mitarbeitern weltweit sollen noch einmal 50 hinzukommen, 30 davon in der Hansestadt. Überwiegend wird es sich dabei um Service- und Vertriebspersonal handeln. Die Produktion am Hamburger Standort könnte ebenfalls noch weiter wachsen.

Am Hammer Steindamm werden vor allem die technisch aufwendigen Waagen des Unternehmens montiert, im eigenen Werk in China hingegen die einfacheren Geräte gefertigt. „Die Produktion in Deutschland ist aufgrund der hohen Lohnkosten für uns zwar deutlich teurer als in Asien, wir haben hier aber den Vorteil, dass wir Neuentwicklungen viel schneller auf den Weg bringen können“, sagt Frederik Vogel, der für Herstellung und Technik in der Geschäftsführung verantwortlich ist. Auch sei der Aufwand für die Qualitätskontrolle in Hamburg geringer als in China, weil die Mitarbeiter hierzulande deutlich besser qualifiziert seien.

Schon bald könnten die Waagen noch weitere Daten wie den Blutdruck messen

Mit der Entwicklung neuer Systeme sind die Vogels noch lange nicht am Ende. „Wir denken darüber nach, noch weitere medizinische Daten mit unseren Geräten zu erheben“, so der Technikchef. Möglich sei, dass etwa die Messung von Blutdruck, Blutzucker oder Sauerstoffsättigung in Waagen inte­griert werde. „Der Arzt soll in möglichst kurzer Zeit einen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand eines Patienten bekommen.“

Frederik und Robert Vogel führen Seca in vierter Generation – und das seit rund fünf Jahren. Die Brüder übernahmen das Unternehmen von ihrem Vater Sönke Vogel, der mit der Spezialisierung auf medizinische Waagen die wesentlichste Weichenstellung der vergangenen Jahrzehnte vorgenommen hatte. Die Geschwister haben beide in den USA studiert und dort zeitweise auch zusammen gewohnt. „Wir ergänzen uns nahezu ideal“, sagt Robert Vogel, der im Unternehmen für den Vertrieb verantwortlich ist.

Schon als Jugendlicher habe er sich auf Flohmärkten getummelt und Autos verkauft, während sein jüngerer Bruder eher zu Hause saß, technische Geräte baute und Webseiten programmierte. Der dritte Geschäftsführer Thomas Wessels ist für die Finanzen zuständig und achtet darauf, dass sich die Brüder all die Projekte, die sie sich gemeinsam ausdenken, auch leisten können. Ein ausgewogenes Verhältnis an der Firmenspitze – wie bei einem Hersteller von Waagen kaum anders zu erwarten.