Leben mit Behinderung

Eine Kamera, die Blinden das Leben leichter macht

Lesedauer: 7 Minuten
Die OrCam hilft Andreas Gärtner, der 2019 plötzlich erblindete: Das Gerät ist "neben dem Blindenstock mein wichtigstes Hilfsmittel", sagt er.

Die OrCam hilft Andreas Gärtner, der 2019 plötzlich erblindete: Das Gerät ist "neben dem Blindenstock mein wichtigstes Hilfsmittel", sagt er.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Sie liest Texte vor, erkennt Gesichter, Produkte und Geldscheine – für sehbehinderte Menschen ist die OrCam eine große Hilfe.

Hamburg. Andreas Gärtner hat Post bekommen. Das wäre für einen Menschen, der sehen kann, nichts Besonderes, aber Gärtner ist blind und noch vor ein paar Monaten hätte er beim Nachbarn klingeln und ihn bitten müssen, den Brief vorzulesen. „Das hat mich immer Überwindung gekostet, ich frage ungern andere um Hilfe“, sagt Gärtner.

Doch jetzt reißt er den Umschlag auf, holt den Brief heraus, hält ihn vor sich hin und deutet auf das Papier. Aus dem kleinen USB-Stick-förmigen Gerät, das er an seinem Brillengestell befestigt hat, ertönt wenige Sekunden später eine deutliche Stimme, die ihm den Absender und den Inhalt des Briefes vorliest. Er ist von der Hausverwaltung.

Die Kamera ist für Gärtner "das wichtigste Hilfsmittel neben dem Blindenstock"

„Diese OrCam ist für mich inzwischen mein wichtigstes Hilfsmittel neben dem Blindenstock“, sagt Gärtner und nimmt das 22 Gramm schwere Gerät in die Hand. Es ist eine Minikamera mit Lautsprecher und zwei LED-Lampen. Sie wird mit Magneten an die Brille angeklickt.

Andreas Gärtner konnte ganz plötzlich nichts mehr sehen Der 52-Jährige kann seit Juli 2019 keine Texte mehr lesen, keine Gesichter mehr erkennen, er erkennt nur noch Umrisse. Eine bisher auch für die Ärzte unerklärbare Autoimmunreaktion seines Körpers hat den studierten Volkswirt von einem Tag auf den anderen erblinden lassen.

„Das war ein riesiger Schock, von dem ich mich nur langsam erholt habe. Ich habe zwar erwachsene Kinder, aber lebe getrennt und alleine. Die ersten Monate nach meiner Erblindung bin ich nur mir bekannte Wege gegangen, zum Supermarkt und zurück, mehr nicht. Ich war ziemlich isoliert“, erzählt Gärtner. Mit der OrCam MyEye traut er sich nun mehr zu, da die Kamera auch Straßennamen erkennen und vorlesen kann. „Letztens wurde eine Haltestelle verlegt, da hat mir das Gerät vorgelesen, wohin ich gehen muss. Das gibt mir schon viel Sicherheit.“

Die OrCam ist von Krankenkassen anerkanntes Hilfsmittel und kann verordnet werden

Bei einer Reha-Maßnahme in Köln hat er die OrCam kennengelernt, sie auch noch mal beim Hamburger Blindenverein ausprobiert und kurz darauf bei seiner Krankenkasse beantragt. „Das ist ein ziemlich teures Gerät und die Krankenkasse hat sich zuerst etwas schwergetan, die rund 4800 Euro zu bezahlen, aber ich bin ein hartnäckiger Mensch“, sagt Gärtner lächelnd.

Lesen Sie auch:

Die OrCam MyEye wurde erst 2019 als Hilfsmittel für Blinde von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt und kann verordnet werden für Menschen, die weniger als fünf Prozent Sehrest oder neben einer starken Seheinschränkung große Gesichtsfeldausfälle haben. Sie wurde in Israel von Prof. Amnon Shashua und Ziv Aviram entwickelt, die auch die Mitbegründer von Mobileye sind, einem Unternehmen für moderne Fahrerassistenzsysteme in Autos. „Professor Shashua hatte eine Tante, die erblindet ist. Er fragte sie, was sie für ihren Alltag braucht. Und sie sagte: ,Vor allem Mobilität und Unabhängigkeit.‘ Er kennt sich mit Assistenzsystemen aus, so hat er für sie die OrCam entwickelt“, erzählt Jennifer Kietzke, OrCam-Vertriebsmanagerin für den Bereich Nord- und Ostdeutschland.

Die Kamera kann vorlesen, Geldscheine und Gesichter erkennen

Vor fünf Jahren wurde das Gerät zunächst in den USA und Israel getestet, inzwischen gibt es die OrCam in mehr als 35 Ländern. „Die Käufergruppe ist sehr gemischt, die meisten sind älter als 60 Jahre, aber wir verkaufen auch viele Geräte an Jüngere. Der jüngste Anwender ist fünf Jahre, der älteste über 90“, sagt Kietzke. Vor allem ältere Menschen mit einer Makuladegeneration, die also schleichend blind geworden sind, gehören zur Hauptzielgruppe des Unternehmens.

Viele nutzen das Gerät privat für die Texterkennung, um Dokumente zu sichten, Speisekarten im Restaurant oder Produkte im Supermarkt zu lesen. Die kleine Kamera erkennt zudem Geldscheine und kann Gesichter, die zuvor gespeichert wurden, erkennen. „Sie sagt dem Nutzer aber auch bei fremden Personen, ob ein Kind, ein Mann, eine junge oder alte Frau vor ihm steht“, sagt die Vertriebsmanagerin.

Blindenverein berät zur Verwendung der OrCam

Birgit Dütsch vom Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverein findet es praktisch, dass sie die Hände frei hat, wenn eine Warensendung für die Hilfsmittelausstellung eingetroffen ist und dank der OrCam MyEye immer weiß, welches Produkt sie gerade in der Hand hält. Die seit 20 Jahren im Verein verantwortliche Hilfsmittelberaterin ist selbst hochgradig sehbehindert und nutzt die intelligente Kamera hauptsächlich für die Ablage, für Post, Rechnungen sowie zum Lesen von Bedienungsanleitungen.

Sie berät beim Blindenverein seheingeschränkte Menschen im Hilfsmittelbereich. In einer Ausstellung kann man die unterschiedlichen Geräte zum Lesen, Vorlesen, den Freizeit- oder Haushaltsbereich direkt ausprobieren. „Wir beraten neutral und unabhängig, sprechen nur Empfehlungen aus, aber zur OrCam gibt es tatsächlich nicht so viele Alternativen, weil sie im Unterschied zu anderen Lesegeräten sehr leicht und mobil ist“, sagt Birgit Dütsch.

"Für sehr ungeduldige Menschen ist das nichts"

Allerdings müsse man sich mit der OrCam My Eye auch beschäftigen. „Für sehr ungeduldige Menschen ist das nichts“, sagt Dütsch. Das neueste Modell hat eine Funktion, die sich intelligentes Lesen nennt und bei der man per Sprachbefehl sagen kann, dass man auf einem Brief nur die Telefonnummer oder die Überschrift vorgelesen bekommen möchte. „So was muss man trainieren“, gibt die Hilfsmittelberaterin zu bedenken.

Auch Schreibschrift kann die kleine Kamera nicht lesen, deswegen hat Andreas Gärtner seinen Lieblingsitaliener bei ihm um die Ecke gebeten, die tägliche Speisekarte für das Essen zum Mitnehmen am Computer auszudrucken statt auf eine Tafel zu schreiben. „Jetzt gehe ich öfters dorthin, bestelle mein Essen und erweitere so auch meinen Umkreis“, sagt Gärtner.

Wissenswertes zur Beratung

Wer eine OrCam MyEye vom Arzt verordnet und danach von der Krankenkasse genehmigt bekommt, kann sie dann über einen Vertragshändler, zum Beispiel einen Optiker, bestellen. Meistens gibt es dazu dann auch eine ein- bis zweistündige Einführung. Eine unabhängige Beratung dazu bietet der Hamburger Blindenverein bei Birgit Dütsch, E-Mail: b.duetsch@bsvh.org oder Claas Rosenberg, E-Mail: c.rosenberg@bsvh.org. Telefon: 040/209 40 40.