Trauerbegleitung

Lust auf Sex – nach dem Tod des Partners tabu?

Die Sehnsucht nach Intimität kommt oft nach dem Tod des Partners wieder hoch.

Die Sehnsucht nach Intimität kommt oft nach dem Tod des Partners wieder hoch.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Manche glauben noch an ein Trauerjahr. Trauerbegleiter beraten, wie die Hinterbliebenen mit Sehnsucht nach Nähe umgehen können.

Als die Mittdreißigerin die Trauerbegleitung im Lotsenhaus von Hamburg Leuchtfeuer in Altona aufsuchte, war ihr Ehemann gerade ein Vierteljahr tot. Seine schwere Krebserkrankung war rasant fortgeschritten, ein Jahr lang hatte sie den Partner intensiv gepflegt. Durch seinen Verlust wurde die Frau schwer erschüttert: Sie hatte mit ihrem Mann nicht nur das geliebte Gegenüber, sondern auch mitten in der Phase der Familienplanung die eigene Zukunftsperspektive verloren.

Besonders irritiert war sie davon, dass sich bei ihr ins Chaos heftiger Emotionen auch eine starke Sehnsucht nach Nähe und Intimität mischte. Genau genommen hatte ihr bereits in der schweren Zeit der Pflege körperlich ein liebevoller Halt gefehlt. Doch bei ihren Freundinnen konnte sie solche Themen nicht ansprechen. Sie rümpften bei allem, was mit Sexualität zu tun hatte, die Nase und sprachen von „Verrat“ am Verstorbenen. „Es ist gar nicht so selten, dass in der vertrauensvollen Atmosphäre der Trauerbegleitung das Thema Sexualität angesprochen wird“, erklärt Peggy Steinhauser, Leiterin des Lotsenhauses. „Dabei ist die Bandbreite groß: Manche ertragen keine Berührung und fühlen sich am stabilsten, wenn ihnen niemand nahekommt. Andere nutzen Sexualität als Ventil, um überbordende Gefühle zu regulieren.“

Das Trauerjahr geht auf Römisches Recht zurück

Trauer kann extrem verunsichernd sein und sich als Achterbahnfahrt der Gefühle erweisen. Doch bei uns herrschen immer noch sehr klischeehafte Vorstellungen davon, wie die Trauerzeit auszusehen hat: Betroffene sollen sich am besten zurückziehen und still den Verlust betrauern. Ihre Bedürfnisse und die Vielfalt der Gefühle, die sie durchleben, werden oftmals tabuisiert.

Beim Thema Sexualität betrifft dies besonders Frauen. In unseren Köpfen scheint weiterhin die Vorstellung von einem Trauerjahr zu existieren, das auf das Römische Recht zurückgeht und nur Frauen betraf. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch galt bis 1938 für Witwen eine zehnmonatige Frist für eine neue Heirat. Damit sollte eine Schwangerschaft vom verstorbenen Ehemann ausgeschlossen werden.

In der heutigen Leistungsgesellschaft sollen Trauernde einerseits schnell wieder funktionieren, andererseits werden an sie kulturell überlieferte Moralvorstellungen angelegt. Trauernde haben diese „ungeschriebenen Gesetze“ verinnerlicht und reagieren meist mit Schuldgefühlen und Scham, wenn sie vermeintlich unpassende Bedürfnisse bei sich entdecken. Sie stellen sich Fragen wie: Was ist mit mir los, wenn ich Freude empfinde und vielleicht einmal tanzen gehen möchte? Wenn ich Sehnsucht nach Nähe, vielleicht sogar Lust auf Sex habe? Trauere ich dann nicht „richtig“? Verdränge ich die Trauer?

Schlimm ist, wenn das Umfeld einen Geliebten verurteilt

Zudem verunsichert es sie stark, wenn die Außenwelt signalisiert: Das, was du da fühlst oder tust, gehört sich nicht. Besonders groß sind die Vorbehalte, wenn das Umfeld von einem Geliebten erfährt oder sich bald ein neuer Partner an der Seite des Trauernden zeigt. Dr. Traugott Roser, Professor für Praktische Theologie und ausgebildeter Trauerbegleiter, weist in seinem Buch „Sexualität in Zeiten der Trauer“ darauf hin, dass es oftmals die Familienmitglieder und Freunde sind, die die Leerstelle an der Seite des überlebenden Partners für den eigenen Trauerprozess brauchen. Denn solange die schmerzhafte Abwesenheit des Verstorbenen so unübersehbar ist, „gibt es ihn noch“.

Trauerbegleiter Kai Sender, der Trauernde im Chat auf trauer.de begleitet, kennt diesen Druck durch innere und äußere Hürden bei Betroffenen gut. „Solange ihre Trauer mit einem großen seelischen Schmerz verbunden ist, wird von den Teilnehmern im Chat jede mögliche Berührung als Verrat am Verstorbenen empfunden – was übrigens auch Männer bei uns immer wieder zum Ausdruck bringen“, sagt er. „Wenn sich Trauernde dann nach einer als angemessen empfundenen Zeit nach einer neuen Partnerschaft sehnen und vielleicht einen bestehenden Kontakt intensivieren möchten, fragen besonders Frauen die anderen Teilnehmer gern nach einer Einschätzung. Es wirkt, als wollten sie sich Absolution für ihr Tun holen.“

Einen Anker in die Zukunft werfen

Die Theologin Peggy Steinhauser vom Hamburg Leuchtfeuer Lotsenhaus weist darauf hin, dass bei der Thematisierung von Sehnsüchten und intimen Wünschen in der Begleitung nicht immer das konkrete Tun des Trauernden im Vordergrund steht. Anfangs gehe es darum, in einem wertschätzenden, bewertungsfreien Umfeld die eigenen Gefühle, Wünsche und Bedenken auszuloten und anzuerkennen. Und dabei vielleicht gedanklich einen Anker in die Zukunft zu werfen und sich in der Fantasie auszumalen, wie ein (Über-)Leben ohne den Verstorbenen aussehen könnte.

Mit der Mittdreißigerin hat Peggy Steinhauser thematisiert, wie sie ihre Sehnsüchte ausleben könnte und wie viel Offenheit sie bei neuen Kontakten als angemessen empfinden würde: Soll sie sich gleich als Trauernde zu erkennen geben? Welche Erwartungen kann dies beim Gegenüber auslösen? Und wie viel Offenheit braucht sie selbst, um mit einem anderen Menschen wirklich Nähe empfinden zu können? „Manchmal thematisieren auch Männer und Frauen weit jenseits der 70, dass ihnen nach dem Tod des Partners Intimität fehlt“, erzählt Peggy Steinhauser.

Trauerbegleiterin wünscht sich offenere Gesprächskultur

„Eine Frau, die ich begleitet habe, hat vor allem die verloren gegangene Zärtlichkeit und die körperliche Vertrautheit, die sie in ihrer jahrzehntelangen Ehe hatte, betrauert. Sie konnte sich intensiv in die körperliche Nähe mit dem Verstorbenen hineindenken, was ihr ein großer Trost war. Allerdings hat sie sich nicht getraut, das mit ihren Freundinnen zu besprechen. Dazu waren die Scham und die Angst, verurteilt zu werden, viel zu groß.“

Aufgrund ihrer Erfahrungen wünscht sich die Trauerbegleiterin eine offenere und weniger moralisierende Gesprächskultur in Gesellschaft, Familie und Freundeskreis. Ihrer Meinung nach könne man auch gar nicht früh genug damit anfangen, eine Sprache für die eigenen Bedürfnisse zu finden. „Sexualität ist ja viel mehr als der Geschlechtsakt, und der Austausch von Zärtlichkeiten muss nicht durch eine schwere Erkrankung zu Ende sein. Wenn ein Paar Nähe so ausleben konnte, wie es die Krankheit ermöglicht hat, kann dies nach dem Tod einen großen Unterschied machen“, sagt Peggy Steinhauser. „Der überlebende Partner kann dann beim Blick zurück auch diese schwere Zeit als wertvoll empfinden und aus den positiven Erinnerungen Kraft schöpfen.“