Ehrenamt

Stiftung sucht Flüchtlingen ein Zuhause

Die Afgahnen Faezah (23) und ihr Mann Eshagh (30) H. in ihrer neuen Barmbeker Wohnung mit ihrer Wohnbrüke-Lotsin Anke Heidenreich

Die Afgahnen Faezah (23) und ihr Mann Eshagh (30) H. in ihrer neuen Barmbeker Wohnung mit ihrer Wohnbrüke-Lotsin Anke Heidenreich

Foto: Andreas Laible

Das Projekt Wohnbrücke Hamburg vermittelt Vertriebenen Mietwohnungen und sorgt so für ihre schnellere Integration

Familie H. kann ihr Glück immer noch nicht ganz fassen. Seit knapp zwei Monaten haben Eshagh H. (30), seine Frau Faezah (23) und Sohn Ilyas (2) eine Wohnung in Hamburg. „Wir haben fast zwei Jahre in einer schlechten Situation gelebt, wir waren ohne Hoffnung auf eine Wohnung“, sagt Eshagh H. in gutem Deutsch. Seine Frau und er sind Afghanen, sie lebten als Flüchtlinge im Iran und flohen von dort wegen kultureller Probleme vor zwei Jahren nach Deutschland. Der Sohn kam in Hamburg zur Welt. Wie alle Flüchtlinge war auch die Familie H. lange in Massenunterkünften auf beengtem Raum untergebracht, zunächst in einer Zen­tralen Erstaufnahmeeinrichtung, dann in Folgeunterkünften.

Nachdem sie einen Aufenthaltsstatus erhielten, machte sich Eshagh H. auf die Suche nach einer festen Bleibe. Er habe 25 Wohnungen angesehen, jedes Mal in einer großen Gruppe von weiteren Interessenten, und es sei klar gewesen, dass er keine Chance habe, sagt er. Erst als die Familie von der Wohnbrücke Hamburg erfuhr, begann sie wieder Mut zu schöpfen.

Die Wohnbrücke Hamburg sucht und vermittelt Wohnungen an geflüchtete Menschen. Begleitet von einem Ehrenamtlichen können sie sich, ebenso wie auch die Anbieter einer Wohnung, direkt an das Projekt wenden. Sowohl mit den Vermietern als auch mit den Flüchtlingen werden Aufnahmegespräche geführt. „Bei den Wohnungssuchenden schauen wir, ob Bleibeperspektive und Mietzahlung gesichert sind und ob die Menschen über erste Deutschkenntnisse verfügen“, sagt Anne Woywod, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Wohnbrücke. Das Ziel des Projekts sei, „Menschen, die in Hamburg bleiben wollen oder müssen, bestmöglich zu integrieren. Das gelingt am besten, wenn sie mitten unter uns wohnen“, sagt Woywod.

Sie gründete die Stiftung Wohnbrücke Hamburg, die mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Lawaetz-wohnen&leben gGmbH kooperiert, vor zwei Jahren. Das Konzept wurde zuvor gemeinsam entwickelt: „Wir hatten Vertreter der Wohnungswirtschaft, des sozialen Bereichs und der Flüchtlingshilfe an einen Runden Tisch gebeten, um zu überlegen, wie Flüchtlinge am besten integrativ untergebracht werden können“, sagt Rechtsanwältin Woywod, die sich für das Projekt ehrenamtlich engagiert.

Eine bedeutende Rolle spielen in dem Konzept die ehrenamtlichen Wohnungslotsen. „Es sind Menschen, die bereits in der Flüchtlingsarbeit vernetzt sind und von der Wohnbrücke speziell für die Belange der Wohnungssuchenden geschult werden. Sie begleiten die Flüchtlinge und sind Ansprechpartner für den Vermieter“, sagt Woywod.

Wohnungslotsen stehen den Familien beratend zur Seite

Wohnungslotsin der Familie H. ist Anke Heidenreich. Die Bankangestellte engagierte sich in der Kleiderkammer einer Flüchtlingsunterkunft. Dann lernte sie die afghanische Familie kennen, die über ein Flüchtlingshilfenetzwerk Kontakt zu Deutschen gesucht hatte. „Wir trafen uns öfter, füllten gemeinsam Unterlagen für Behörden aus und haben uns gut verstanden. Als die Familie eine Wohnung suchte, wollte ich sie gerne unterstützen und erfuhr von der Wohnbrücke Hamburg“, sagt Anke Heidenreich.

Sie ließ sich dort zur Wohnungslotsin schulen. „Da ging es um rechtliche Tipps zum Mietverhältnis, aber auch um praktische Tipps wie etwa das richtige Lüften“, sagt Heidenreich. Mit diesem Rüstzeug stand sie der Familie schließlich zur Seite, bei der Wohnungsübergabe und auch beim Unterzeichnen des Mietvertrags, bei allem was mit dem Thema Umzug zu tun hat und bei der Kontaktaufnahme mit den Nachbarn. Diese Betreuung erleichtert auch dem Vermieter den Umgang mit den neuen Mietern.

„Von den Wohnungsanbietern, die sich bei uns melden, sind 75 Prozent private Vermieter, aber auch Wohnungsbaugenossenschaften und Stiftungen stellen Wohnungen gezielt für Flüchtlinge zur Verfügung“, sagt die Stiftungsvorsitzende. Die Anbieter seien von der Idee der Wohnbrücke überzeugt, weil sie helfen wollten, und vermieteten dann auch Wohnraum, der dem Wohnungsmarkt vorher nicht zur Verfügung gestanden habe. So ging es auch Vermieter Karl Dieter Kloth und seiner Frau. „Wir hatten eine Einliegerwohnung, die wir an einen jungen Syrer vermieteten, weil er dringend eine Bleibe brauchte. Er wohnte dann drei Jahre dort und wurde ein Freund“, sagt Karl Kloth. Aufgrund der guten Erfahrung und „weil wir die Notlage sahen, war es für uns selbstverständlich, eine weitere Wohnung an Flüchtlinge zu vergeben“, sagt Karl Dieter Kloth. Es ist die Wohnung, in der jetzt Familie H. lebt.

„Wir schauen, wer zu wem passt, die Vermieter bekommen drei Vorschläge von uns, doch meist klappt es schon bei dem ersten Kandidaten“, sagt Anne Woywod. Vor dem Besichtigungstermin haben die Wohnungssuchenden den Grundriss der Wohnung erhalten und sich im Stadtteil umgesehen, um zu entscheiden, ob es dort für sie geeignet ist. „Wenn sie dann die Wohnung besichtigen und die Chemie stimmt, wird der Mietvertrag unterzeichnet“, sagt Anne Woywod.

Mittlerweile wurden mehr als 400 Menschen in Wohnungen vermittelt, vom Single bis zur Großfamilie. Auch Familie H. war von Beginn an begeistert von der 2,5-Zimmerwohnung im Stadtteil Barmbek. „Ein guter Stadtteil“, sagt Eshagh H. Er freut sich über die Chance, hier heimisch zu werden. „Ohne eine Wohnung versteht man das Leben hier nicht“, sagt er. Er wird nun auf Arbeitssuche gehen, im Iran arbeitete er als Stuckateur. Seine Frau Faezah, von Beruf Schneiderin, wird Deutsch lernen. Die Familie will ankommen in Hamburg. Der erste Schritt ist getan.

Weitere Infos unter: www.wohnbrücke.de

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