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Tod auf der Stresemannstraße

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Schmoock

Vor 25 Jahren wurde die neunjährige Nicola von einem Lastwagen erfasst und getötet. Es folgten wochenlange Proteste – und Tempo 30 für eine der meistbefahrenen Verkehrsachsen Hamburgs. Von Matthias Schmoock

Dienstag, 27. August 1991. Die neunjährige Nicola S. verlässt um kurz nach halb vier die Wohnung ihrer Großeltern an der Bernstorffstraße und fährt mit ihrem rosafarbenen Fahrrad zur Ecke Stresemannstraße. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Mutter, die am Eimsbüttler Grindelberg wohnt. An der Ampel wartet Nicola, bis sie Grün hat, dann kreuzt sie die „Strese“. In diesem Moment kommt ein Lastwagen herangerast, der das Mädchen erfasst und zu Boden schleudert. Nicola, so ergeben Untersuchungen später, ist vermutlich sofort tot. Der Lkw kommt erst 50 Meter weiter mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der 25 Jahre alte Fahrer flüchtet zunächst, kehrt dann aber wieder zur Unfallstelle zurück und kommt kurz danach mit einem leichten Schock ins Krankenhaus. Später stellt sich heraus, dass der aus Sachsen stammende Mann einem vorausfahrenden Kollegen gefolgt war, der ihn durch die Stadt lotste. Dabei hatte er offenbar mehr auf den Vordermann als auf das Verkehrsgeschehen geachtet – mit fatalen Folgen.

Die Nachricht von Nicolas Tod verbreitet sich in der Gegend wie ein Lauffeuer. Schon eine Stunde später blockieren 120 Menschen, darunter viele Kinder, die Kreuzung. Sie malen ein weißes Kreuz auf den Asphalt, legen Blumen nieder, entzünden Kerzen. Tagelang geht das so. Regelmäßig ab 16 Uhr wird die „Strese“ mit Barrikaden verschlossen, der Verkehr muss bis zum frühen Morgen umgeleitet werden. Anwohner und ihre Unterstützer machen klar: Sie lassen nicht locker, sie wollen die Politiker zum Handeln zwingen.

Nicolas Tod ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, zugleich wird er zum Fanal gegen eine aus Sicht vieler Betroffener verfehlte Verkehrspolitik. 48.000 Fahrzeuge brausen damals täglich durch diese Straße, darunter 8000 Lastwagen. Immer wieder hatten sich schwere Unfälle ereignet, Luftmessungen ergaben zudem katas­trophale Werte. Bitten und Forderungen der entnervten Anwohner, die gefährliche Schneise zu entschärfen, waren von Politik und Verwaltung immer wieder abgewimmelt worden. Doch diesmal ist alles anders. Die Stimmung in der Gegend kippt zugunsten der Protestierenden, erstmals wird quer durch alle Bevölkerungsschichten massiv gegen den Autoverkehr mobil gemacht.

Drei Tage nach dem Unfall treffen sich Anwohner und Behördenvertreter erstmals zu einem „Runden Tisch“, doch die Verhandlungen gestalten sich schwierig.

Vor 25 Jahren hat das Autofahren in der Stadt noch einen viel höheren Stellenwert als heute. In Wahlkämpfen ist der „Terror gegen Autos“ ein emotional belastetes Thema – Fahrradstraßen kann sich in jener Zeit kaum jemand vorstellen. Entsprechend stemmen sich viele, auch Politiker, gegen die geforderte Geschwindigkeitsreduzierung vor Ort, und längst nicht jeder Bürger hat Verständnis für die Protest-Aktionen. Autofahrer beschimpfen Polizisten, die das tägliche Sit-in auf der blockierten Verkehrsader bewachen müssen, wilde Hupkonzerte gehören zum Tagesprogramm.

Einige Aktivisten überziehen hemmungslos, die Demos arten zum Dauer-Happening aus, bei dem auch die linksalternative Szene aus dem Dunstkreis der Roten Flora kräftig mitmischt. Nicolas Mutter muss miterleben, wie an der Unfallstelle musiziert und Fußball gespielt wird. Partystimmung im Namen ihrer toten Tochter. Als eifrige Anwohner auch noch einen Gedenkstein für das Mädchen errichten wollen, wenden sich die leidgeprüften Angehörigen im Hamburger Abendblatt mit einem Appell an die Öffentlichkeit. Ihre Botschaft: Ja zum Tempolimit, Nein zu weiteren Blockaden.

Neun Tage nach dem Unfall erlässt der damalige Innensenator Werner Hackmann eine Ausnahmeregelung: Zwischen Bahnhof Holstenstraße und Neuem Pferdemarkt gilt fortan Tempo 40. Den Anwohnern geht das nicht weit genug, sie setzen ihre Aktionen fort.

Am 6. September wird Nicola, Mini genannt, beerdigt. Ihre Mutter, die seit mehr als 20 Jahren als Krankenschwester arbeitet, hatte einer Organentnahme zugestimmt, unter anderem wurden ihrer toten Tochter die Herzklappen entnommen und später erfolgreich transplantiert.

„Dadurch sind andere Kinder und ihre Eltern glücklicher geworden. Auch mir hilft das ein bisschen“, sagte die tapfere Frau in einer Stellungnahme. Kurze Zeit später wird dann doch noch eine Tempo-30-Zone mit je einer Busspur pro Fahrtrichtung eingerichtet – vor allem auf Druck der damaligen Stadtentwicklungssenatorin Traute Müller. Mit der Zeit kehrt vor Ort tatsächlich Ruhe ein.

Doch damit ist die Diskussion um die Stresemannstraße noch nicht vorbei. Rund neun Jahre später, im Februar 2002, lässt der damalige Verkehrssenator Mario Mettbach von der Partei Rechtsstaatlicher Offensive die Busspuren wieder entfernen, womit er ein Wahlkampfversprechen einlöst. Anders als ­zunächst geplant, belässt es der Senat aber bei der Tempo-30-Regelung. Wieder gibt es Demons­trationen und Straßenblockaden, aber die Proteste erreichen nicht die Dimension von 1991 und verebben schließlich.

Heute ist die Stresemannstraße immer noch eine der wichtigsten und meistbefahrenen Verkehrsachsen Hamburgs. Sie ist sicherer geworden, aber längst nicht harmlos. Erst im Dezember 2014 starb dort ein Radfahrer in Höhe der Einmündung Kieler Straße, der von einem abbiegenden Lastwagen erfasst worden war.

Die Hamburger haben sich an die Tempo-30-Regelung auf dieser Ost-West-Achse gewöhnt, die Durchreisende immer noch verwundern dürfte. Gelegentlich sieht man rücksichtslose Ortskundige, die zwischen den deutlich sichtbaren Radarfallen das Gaspedal dennoch durchdrücken, um dann erst im letzten Moment wieder abzubremsen. Dass hier vor 25 Jahren ein Mädchen starb, wissen heute nicht mehr viele Autofahrer. Auch die leidenschaftlichen Proteste, die sein Tod auslöste, sind weitgehend vergessen.

Nicola, die heute vor 25 Jahren mit ihrem Fahrrad bei den Großeltern aufbrach, wäre jetzt 34 Jahre alt.