Urlaub

Segeltörn als Schule fürs Leben

Zwei Jungs, die sichtlich Spaß auf ihrer Tour mit dem Segelschiff „Fortuna“ haben

Zwei Jungs, die sichtlich Spaß auf ihrer Tour mit dem Segelschiff „Fortuna“ haben

Foto: Benita Quadflieg Stiftung

Auf der „Fortuna“ können Heranwachsende mit Betreuungsbedarf mitreisen. Doch das Programm ist gefährdet.

Für Nils und Meike sind die zwei Wochen auf der „Fortuna“ der Höhepunkt des Jahres. Die Tour auf dem alten Segelschiff zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen bedeutet für sie Erholung von ihrem schwierigen Alltag in von Problemen belasteten Familien. Meike hat gerade eine schwere Krebserkrankung überwunden und segelt schon zum zweiten Mal auf dem Schiff mit. „Vor lauter Vorfreude sitze ich wie ein Honigkuchenpferd im Bus und kann es kaum erwarten, endlich die ,Fortuna‘ zu betreten“, beschreibt Meike ihre Aufregung vor der Fahrt durch die Ostsee – das Revier des 1909 in den Niederlanden gebauten 40 Meter langen Seglers.

Seit rund 20 Jahren führt der gemeinnützige Verein „Mignon Segelschifffahrt“ von April bis Oktober Segelreisen mit sozialem, pädagogischem und therapeutischem Zweck durch. Der Verein ist aus dem Hamburger Haus Mignon hervorgegangen, das behinderte oder in ihrer Entwicklung gefährdete Kinder und Jugendliche unterstützt.

Das Schiff „Fortuna“ wird häufig mit Skipper und ehrenamtlicher Crew komplett von therapeutischen Einrichtungen, Sonderschulen, Integrationsklassen und anderen integrativen Projekten gechartert. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren, die oft zum ersten Mal ohne Begleitung ihrer Eltern in den Urlaub fahren. Je nach Betreuungsbedarf der Teilnehmer hat das Schiff Platz für 25 Mitsegler, so dass jährlich rund 400 Jugendliche mitreisen können.

Doch jetzt droht Ungemach. Nachdem bereits im vergangenen Jahr ein Motor für 60.000 Euro ausgetauscht werden musste, kommt die „Fortuna“ im Oktober nochmals zur Reparatur in eine Werft. „Wir rechnen mit Kosten von etwa 35.000 Euro“, sagt Maya Schneider, die das Haus Mignon leitet.

Für die Jugendlichen ist es ein unvergessliches Erlebnis

Deshalb werden dringend Spender gesucht. „Wenn wir nicht genügend Spenden bekommen, können wir das Ferienangebot für beeinträchtigte Kinder auf Dauer nicht aufrechterhalten“, sagt Schneider. Die Heilpädagogin und ihre Mitarbeiter betreuen schwersttraumatisierte Kinder, die von den Jugendämtern in die zwei familienähnlichen Wohngruppen der Einrichtung geschickt werden. Oft sind sexueller Missbrauch, Gewalt oder Verwahrlosung der Grund, warum die Kinder den Eltern weggenommen wurden. Diese Kinder und Jugendlichen fahren auch immer wieder auf Segeltörns und „für sie ist das jedesmal ein unvergessliches Erlebnis“, sagt Schneider.

Der Verein bietet zudem integrative Segeltörns an. Dort können jeweils 15 Heranwachsende im Alter von zwölf bis 25 Jahren mitfahren. Sie werden von zwei Mitarbeitern des Hauses Mignon sowie Praktikanten betreut. Bei diesen Segelreisen verbringen geistig behinderte und nicht behinderte Kinder und Jugendliche ein bis zwei Wochen zusammen und lernen, vorurteilsfrei miteinander umzugehen. Während der Reisen wachsen sie als Gruppe an Bord zusammen. „Die Kinder gucken sich von den Stärken der anderen etwas ab und lernen, ihre eigenen Schwächen zu akzeptieren. Ein Prozess, der bewusst ohne große therapeutische Interventionen verläuft“, erklärt Maya Schneider.

Die ehrenamtliche Stammbesatzung der „Fortuna“ besteht aus einem Schiffsführer, der mit ein bis zwei erfahrenen Wachführern, einem Maschinisten und Schiffsleuten die seemännische Betreuung während der Fahrt übernimmt. Doch die Fahrt auf der „Fortuna“ ist keine Kreuzfahrt. Die Jugendlichen müssen alles, was zum Leben notwendig ist, selber machen. Sie helfen bei den Mahlzeiten, das bedeutet Gemüse putzen, Tisch decken und Geschirr spülen. Sie müssen das Segel hochziehen, Manöver fahren und auch die sanitären Räume säubern. „Mitreisende müssen auch Wachdienste schieben und lernen so, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Schneider. So wird ein Segeltörn zur Schule des Lebens.

Aufgrund der großen Nachfrage vieler junger Erwachsener, die über Jahre mit Begeisterung auf der „Fortuna“ mitgefahren sind, bietet das Haus in diesem Jahr auch einen „Oldie“-Törn an, der sich an junge Erwachsene mit leichtem Betreuungsbedarf richtet. Bei dem vom 17. bis 30. September stattfindenden Törn sind noch Plätze mit und ohne Betreuungsbedarf frei.

Anmeldung für Segeltörns mit der „Fortuna“ bei Ilona Rittner, Telefon: 82 27 42 24, E-Mail: rittner@haus-mignon.de. Infos und Spenden unter www.benita-quadflieg-stiftung.de

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