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Ärztetag lehnte zunächst künstliche Befruchtung ab, seit 1970 sind Samenspenden zulässig

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Seit 1970 sind in der Bundesrepublik Deutschland etwa 100 000 Kinder nach Behandlung mit Spendersamen zur Welt gekommen. Schätzungsweise werden bei uns mittlerweile jedes Jahr 1000 Kinder auf diese Weise gezeugt.

Die künstliche Befruchtung steckte in Deutschland in der Nachkriegszeit zunächst in den Kinderschuhen. Es gab nur wenige Kliniken für künstliche Befruchtung. Zudem verurteilte der Deutsche Ärztetag die Behandlung als standesunwürdig und drohte mit dem Entzug der Approbation. 1970 fand ein Umdenken statt, der Ärztetag beschloss, dass Samenspenden zulässig sind. Im Zuge der Liberalisierung schufen viele Kliniken, auch Universitätskliniken, die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung für zeugungsunfähige Paare. Mittlerweile gibt es zahlreiche Privatkliniken, die sich auf künstliche Befruchtungen spezialisiert haben und hochprofitabel arbeiten. Oftmals ist solchen Kliniken eine Samenbank angeschlossen, aus der der Samenspender direkt ausgewählt wird. Spendersamen kann heute über das Internet weltweit bei international operierenden Samenbanken (z. B. in Kalifornien) bestellt werden. Die Samenbank liefert dann den entsprechenden Samen tiefgefroren an den gewünschten Ort.

Anfangs wurden Frauen grundsätzlich mit frischem Samen befruchtet. Das heißt, der Spender wurde in die Klinik bestellt, sein noch warmer Samen sofort zur künstlichen Befruchtung eingesetzt. Da frischer Samen viel häufiger zu einer erfolgreichen Befruchtung führt, war diese Behandlungsmethode sehr effektiv. Aber als in den 80er-Jahren Aids aufkam ging man dazu über, den Samen grundsätzlich erst einmal einzufrieren (Kryokonservierung). Erst wenn zweifelsfrei feststeht, dass der Spender HIV-negativ ist, wird der Samen zur Befruchtung freigegeben.

In vielen Kliniken suchen die Ärzte für die Paare aus ihren Samenbanken den entsprechenden Spender aus. Dabei sollen Rasse, Statur, Haar- und Augenfarbe sowie Blutgruppe des Spenders identisch sein mit dem Empfänger-Ehemann, um eine größtmögliche Ähnlichkeit mit dem sozialen Vater zu erreichen. Rund 90 Prozent aller Samenspender wollen anonym bleiben und sind nur unter dieser Voraussetzung überhaupt bereit zu spenden. Entsprechend viele Spendersamenkinder wissen bis heute nicht, dass ihr sozialer Vater nicht auch ihr genetischer ist. Während viele Ärzte bis heute meist immer noch zu einer anonymen Samenspende raten, warnen Psychologen vor den Folgen einer solchen Entscheidung. Erst in neuerer Zeit wird an einigen Kliniken kinderlosen Paaren eine psychologische Beratung angeboten, in der über mögliche seelische Belastungen infolge einer erfolgreichen Befruchtung mit anonymem Spendersamen hingewiesen wird.