ALZHEIMER: WIE EINE ERKRANKTE SICH SELBST WAHRNIMMT

"Ohne Gott würde ich es nicht schaffen"

Es beginnt mit einem nachlassenden Kurzzeitgedächtnis. Er oder sie vergisst viel mehr als früher, "ist eben keine zwanzig mehr", versucht man es zu erklären. Manche sprechen von "Tüddeligkeit" und verniedlichen damit eine der schrecklichsten Krankheiten, an der allein in Deutschland mehr als 600000 Menschen leiden: Alzheimer.

Ganz in meiner Nähe wohnt ein Herr, der seine an Alzheimer erkrankte Frau pflegt. Es ist erschütternd zu sehen, wie er sich dabei aufreibt, und natürlich noch erschütternder ist die ständig wachsende Hilflosigkeit seiner Frau, die inzwischen das Wissen um ihre eigene Identität völlig verloren hat. Selbstverständlich wusste ich schon vorher einiges von dieser Krankheit, aber dieses Wissen war doch nur sehr oberflächlich. Wie dramatisch Alzheimer wirklich ist, erfuhr ich erst jetzt. Ich denke, es geht vielen Menschen so. Es wäre sicher hilfreich, wenn Sie darüber eingehend berichten würden.

Mechthild G.

Antwort : Zuerst einmal einige sachliche Informationen. Die von Ihnen genannte Krankheit trägt den Namen des deutschen Psychiaters Alois Alzheimer, der sie 1906 als erster genau beschrieb. Sie ist eine von mehreren Demenzerkrankungen. Unter dem Begriff "Demenz" versteht man einen geistigen Verfall, der weit mehr ist als der normale Alterungsprozess eines Menschen. Er führt dazu, dass der Patient sich in einem ständig zunehmenden Maße nicht mehr im Alltagsleben zurechtfindet. Alzheimer ist die häufigste Demenzerkrankung bei älteren Menschen, sie zerstört in Schüben die Nervenzellen im Gehirn und führt immer mehr zu Gedächtnis- und Sprachstörungen, der Patient kann sich zeitlich und räumlich nicht mehr orientieren und immer weniger bewegen. Eine Heilung gibt es nicht, man kann das Fortschreiten der Krankheit lediglich mit Medikamenten verlangsamen. Da die Pflege des an Alzheimer Erkrankten zumeist den Angehörigen obliegt und sie sehr belastet, nennt man Alzheimer oft eine "Angehörigen-Krankheit". Damit umreißt man zwar das ungemein schwere Leben der Pflegenden, nicht aber, wie der Erkrankte sich selbst wahrnimmt. Dies erfährt man in einem beeindruckenden Buch, das die selbst an Alzheimer erkrankte schwedische Pastorin Agneta Ingberg gemeinsam mit ihrer Freundin Birgitta Andersson geschrieben hat. Es heißt: "Am Ende des Gedächtnisses gibt es eine andere Art zu leben" (Brunnen-Verlag, ISBN 978-3-7655-1947-5).

Dass mit ihr irgendetwas nicht in Ordnung war, erfuhr Agneta Ingberg zuerst während eines von ihr geleiteten Gottesdienstes. Plötzlich waren ihr die bekanntesten Dinge fremd, sie konnte sich an Abschnitte ihrer Predigt nicht erinnern, wusste nicht einmal mehr die Worte des Segens. Bei einem späteren Gottesdienst war ihr entfallen, ob sie das Vaterunser schon gebetet hatte oder nicht. Sie bemerkte bei sich eine ständig zunehmende Müdigkeit, vergaß die alltäglichsten Dinge, fand sich in der U-Bahn nicht mehr zurecht, "die Hilflosigkeit und Verwirrung legten sich wie ein Schleier über mich", schreibt sie. Es dauerte drei Jahre, ehe sie vom Arzt die Diagnose bekam, dass die vielen Symptome auf eine Alzheimer-Erkrankung wiesen. Es war ein langer Weg, auf dem Ärzte wie Patientin anfangs die Beschwerden als Folgen einer rheumathischen Erkrankung, des erhöhten Blutdrucks oder als Stoffwechselstörung etc. eingestuft hatten. Agneta Ingberg: "Was ich alles gelesen hatte, bevor ich die Diagnose bekam, jetzt wurde es so furchtbar wirklich."

Oft versank sie in Verzweiflung

Sie nahm Abschied von ihrem Beruf, versank oft in Verzweiflung, manchmal meinte sie, sich selbst zu verlieren. "Ich hatte immer gedacht, dass ich stark bin, aber auf einmal ist das anders geworden."

Mit großer Erschütterung nur kann man lesen, wie diese Frau ihre Krankheit selbst erlebt. Wie sie manchmal sogar an Suizid denkt, oder wie sie ihrem Lebenspartner nicht zumuten will, ihr Pfleger zu sein. "Ich will seine Frau bleiben", schreibt sie, "auch dann, wenn ich nur noch ein Bündel in meinem Krankenbett bin. Darum ist es wichtig, dass die rein körperliche Pflege von anderen übernommen wird... Alzheimer, das bedeutet, dass man sich selbst verliert. Nein, nicht seine Seele. Aber die Fähigkeit, sein Innerstes zu kommunizieren." Ihren Trost findet sie letztlich in Gott. "Ich habe ein gutes Leben gehabt", schreibt sie, "die Alzheimerkrankheit hat mir vieles genommen. Gott kann sie mir nicht nehmen. Ohne Gott würde ich es nicht schaffen, mit Alzheimer zu leben. Ohne Gott könnte ich überhaupt nicht leben."

Und ihre Freundin Birgitta Andersson: "Mich macht es traurig, zu erleben, wie eine liebe Freundin mir langsam, aber unerbittlich entgleitet, hinein in die Welt ihrer Krankheit, aus der keine Antwort kommen kann."