"Ich will arbeiten, nicht mehr ein Mensch zweiter Klasse sein . . . "

Der folgende Brief hat uns betroffen gemacht. Seines Inhaltes wegen, vor allem aber auch, weil sich ähnlich verzweifelte Briefe in der letzten Zeit sehr häufen. Unsere Leserin Sigrid D. (55) schreibt:

"Heute war der Briefkasten wieder leer. Das Telefon schweigt. Keine Antworten auf Bewerbungen. Einfach keine Reaktion, geschweige denn Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Dabei habe ich doch wirklich etwas zu bieten: Organisationstalent, Teamfähigkeit, Word Office und Englisch sehr gut, SAP-R3-Kursus sehr gut. Ich bin fleißig und lerne schnell.

Meine Bewerbungsunterlagen sind exakt und aussagefähig. Und doch nutzt das nichts. Niemand gibt mir die Chance, ihn von meinem Arbeitswillen zu überzeugen. Ja, ich will arbeiten, so wie damals, bevor man mich betriebsbedingt entsorgt hat. Ich will selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen, so, wie ich es seit meinem 15. Lebensjahr getan und auch meinen Kindern beigebracht habe. Ich habe nur einen Fehler: Ich bin 55 Jahre alt. Wer gibt mir eine Chance? Wo ist unsere Regierung mit ihren Versprechungen von 50 plus? Was tut unsere Wirtschaft? Es heißt, es bewegt sich etwas. Wo denn nur?

Ich habe Angst, Arbeitslosengeld II zu beantragen. Die Fragebögen sind entwürdigend. Jetzt bin ich ein Mensch zweiter Klasse. Nichts geht mehr, andere bestimmen und entscheiden über mich. Das will ich nicht. Wo ist mein Menschenrecht, mein Recht auf Arbeit? Jetzt bin ich auch gefangen, gefangen in dieser Gesellschaft, die nichts mehr für ältere Menschen übrig hat, aber das Rentenalter ständig erhöht. Wovon soll ich bis 67 leben? Das sind noch zwölf Jahre! Gefangen in der Einsamkeit, in der Unterschicht. Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Meine Therapeutin meint, ich solle nicht alles so negativ sehen. Soll ich etwa lachen? Hahaha, ist das fröhlich, wieder kein Vorstellungsgespräch!

Ich soll nicht so theatralisch sein. Es geht Millionen so. Klar, Sie haben ja so recht. Trotzdem habe ich das Gefühl, innerlich zu verbluten. Raus bin ich aus allem, raus aus dem Betrieb, raus aus der Gemeinschaft, raus aus dem Leben.

Was soll ich eigentlich noch auf dieser Welt, in diesem Deutschland, wo man mich nicht mehr will? Und ich keine Aufgabe, keine Ziele, keine Visionen mehr haben kann? Es hätte doch Vorteile: Eine Arbeitslose weniger, keine Kosten mehr für sie."

Und noch ein Auszug aus einem anderen Brief einer Frau mitten unter uns, die verzweifelt einen Arbeitsplatz sucht:

"Ich bin ziemlich tapfer, aber wie lange noch? Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in diesem Strudel versinken würde. Es raubt mir den Schlaf und nimmt mir die Lebensfreude. Ich möchte einmal klarstellen, dass es sich nicht in Saus und Braus mit Hartz IV leben lässt. Bitte schreiben Sie das . . . "

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