Mein Mann ist zum Pflegefall geworden, was wird aus mir?

"Er war mein Traummann", schreibt Ute D. In ihrer fast 40-jährigen Ehe aber erlebte sie nur "Lug und Trug". Die neue Situation macht ihr Angst. Sie spürt, wie ihr Lebensmut schwindet . . .

Mein Mann (64) macht zur Zeit eine Kur. So habe ich Mut gefasst, Ihnen zu schreiben und um einen Rat zu bitten. Denn meine Situation empfinde ich als unsagbar belastend, und sie macht mir Angst.

Dazu muss ich Ihnen einiges erklären. Wir haben 1968 geheiratet. Er war mein "Traummann". Unser erster Sohn starb kurz nach der Geburt. Ich litt lange Zeit unter schweren Depressionen. Nachdem zwei weitere Kinder gesund geboren wurden und ich mich wieder völlig gefangen hatte, musste ich erfahren, dass mein Mann eine Freundin hatte.

Es war der Anfang von jahrzehntelangem Lug und Trug. Dennoch war mein Mann ein liebevoller Vater und hat auch mich gut behandelt. Aber es war eben keine Ehe, so wie ich sie mir erträumt hatte mit Zärtlichkeiten, Vertrauen und Geborgenheit.

Ich sah alles, aber schaffte es nicht, mich scheiden zu lassen, zu sehr litt ich unter meiner lieblosen Kindheit, die mir nie ermöglichte, Selbstvertrauen aufzubauen. Zweimal war ich monatelang in psychosomatischen Kliniken. Nach dem zweiten Krankenhausaufenthalt willigte mein Mann endlich in eine Paartherapie ein. Wir waren erst kurzfristig in Behandlung, als bei ihm die Parkinsonsche Krankheit mit Demenz diagnostiziert wurde.

Mein Mann ist jetzt ein Pflegefall. Für die Unterstützung durch einen Pflegedienst müssen wir viel Geld zuzahlen. Wenn mein Mann im Pflegeheim leben würde, müsste unser kleines Reihenhaus, meine "Schutzburg", verkauft werden.

Wenn unsere Ersparnisse aufgebraucht sind, bliebe mir nur eine "Grundsicherung", da ich keine eigene Rente bekomme. Wir leben isoliert, haben keine Freunde. Die Kinder gehen ihren eigenen Weg. Ich würde gern am "richtigen" Leben teilnehmen, aber wie? Ich verliere immer mehr den Lebensmut. Was raten Sie mir? Ute D. (59)

Es antwortet Dipl.-Psych. Prof. Dr. Elisabeth Müller-Luckmann:

Zweifellos haben Sie ein schweres Schicksal, aber immerhin ist trotz "Lug und Trug" Ihr Mann bei Ihnen geblieben. Und Sie wissen sicher längst, dass es für eine Trennung jetzt endgültig zu spät ist. Wie auch immer, nun müssen Sie durchhalten. Sie wissen auch, dass die Kraft dazu in erster Linie aus Ihrem eigenen Lebenswillen kommen muss. Ich weiß, wie leicht sich das sagt und wie schwer es zu verwirklichen ist. Was Sie jetzt brauchen, ist in erster Linie die Einschätzung der Ärzte, wie sich der Zustand Ihres Mannes weiter entwickeln wird. Alzheimer-Patienten brauchen eine Behandlung, bei der ihre speziellen Probleme im Vordergrund stehen.

Und es dürfte eine große Rolle spielen, wie es mit Ihrer persönlichen Belastung bestellt ist. Sie sollten also realisieren, dass die jetzige Form der Betreuung nicht unter allen Umständen aufrechterhalten werden kann. Und dass auch Sie selbst an die Grenze der dafür nötigen Kraft geraten können. Die Prognosen der Ärzte müssen also für Ihre weitere Lebensplanung maßgeblich sein.

Zum Zweiten brauchen Sie jetzt eine grundsolide Beratung, was den ökonomischen Rahmen Ihres Lebens angeht. Vorab sollten Sie sich klar machen, welche unerlässlichen Bedürfnisse Sie selbst haben. Was verstehen Sie unter dem "richtigen" Leben? Da Sie schon in therapeutischer Behandlung waren, wissen Sie wahrscheinlich bereits, wie wichtig ein Selbstverständnis Ihrer eigenen Person und deren Bedürfnisse sind. Es handelt sich also um die Strukturierung eines Lebensplanes, soweit man überhaupt einen machen kann, der sich in dem Ihnen möglichen Rahmen bewegt. Gibt es wirklich keine Alternativen zum Verkauf Ihres Hauses? Oder ist es eher Vorsorge, dass Sie dieses Haus ohnehin nicht mehr halten können oder wollen? Das alles sollte sehr sorgfältig durchdacht werden.

Sie sollten alle Möglichkeiten ausschöpfen, um sich professionell beraten zu lassen. Nur den eigenen Emotionen zu folgen, wäre in einem solchen Fall eher gefährlich, obwohl natürlich ein unkalkulierbares Risiko bleibt.

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