Diese Hamburger Schule muss nach 132 Jahren jetzt schließen

Foto: Martin John / Erzbistum Hamburg

Erzbistum Hamburg schließt Schule St. Marien in Ottensen. Kampf um Erhalt blieb vergebens. Rückblick auf ein letztes Schuljahr.

Hamburg. Die Gläubigen schreiten zum Altar, einer nach dem anderen steckt eine Blume in die große Vase. Nach der Prozession, untermalt von Orgelmusik, schmückt ein riesiger bunter Strauß die Kirche St. Marien in Ottensen. Und doch birgt die Zeremonie vor allem eines: Trauer. Sie gleicht einer Beerdigung, wenn Blumen in das offene Grab geworfen werden.

Und am Ende wurde ja am vergangenen Sonnabend beim Abschiedsgottesdienst auch etwas zu Grabe getragen. Nach 132 Jahren schließt die Schule an der Eulenstraße. Die Eule, wie sie im Viertel die Schule nennen, fällt als erste von sechs katholischen Hamburger Schulen der Streichliste des Erzbistums zum Opfer.

Schulschließung ist das Ende einer Institution

Es ist das Ende einer Institution. 1889 eröffnet im benachbarten heutigen Kinderheim. 1902 der Umzug in den Backsteinbau. 1939 machen die Nazis die Schule dicht. 1945 öffnet die Gemeinde die Schule wieder, in den Nachkriegsjahren besuchen 350 Erst- bis Achtklässler pro Jahr die Eule. 1975 wird sie Grundschule.

Und noch 2014 lobt der damalige katholische Schuldezernent Erhard Porten in einer Jubiläumsschrift die „Geborgenheit“ der Eule, preist ihre „überaus erfolgreiche pädagogische Arbeit“ und fragt: „Gibt es eine bessere Vorbereitung für den weiteren Lebensweg?“

Holzpferd fester Bestandteil des St.-Martins-Umzugs

Zwei Pavillons aus Holz ducken sich um den dreigeschossigen Backsteinbau mit Fenster-Rundbögen und Kassettentüren. Eine Esche spendet Schatten auf dem Schulhof mit Gartenbänken und einem Klettergerüst. Die bunt bemalten Wände, verziert mit einer Sonne, einem Schiff und einer Rakete, versprühen noch mehr Bullerbü-Charme.

Sogar ein Holzpferd gibt es, gebaut 1999 vom Vater eines Eulen-Kindes. Die Figur, erleuchtet von Kerzen, zeigt den reitenden St. Martin. Jedes Jahr im November trugen stolze Viertklässler das Kunstwerk unter den Klängen eines Spielmannzugs beim St.-Martins-Umzug durch Ottensen.

Ehemalige Schüler hinterlassen Erinnerungen am Zaun

Dennoch hat sich die kleinste der 21 Hamburger katholischen Schulen immer gegen das Bullerbü-Klischee gewehrt. Und wer durch das Gebäude streift, die Rechen-Tafeln sieht, die Englisch-Wörterbücher, die Musikinstrumente und Tuschkästen, begreift sofort: Hier wird richtig viel gelernt.

Um zu verstehen, was diese Schule für das Quartier bedeutet, reicht ein Blick an den Zaun. Hier haben Ehemalige der Schule auf Plakaten ihre Erinnerungen und ihren Protest gegen die Schließung notiert. „Die katholische Kirche verliert einen wesentlichen Baustein, um den jungen Menschen christliche Werte zu vermitteln.“ „Mit der Schließung der Schule geht ein weiterer Teil des alten Ottensen endgültig verloren.“ „Dass die Schule aus rein kommerziellen Gründen ‚als Kleinvieh geschlachtet‘ wird, finden wir empörend.“

Was bleibt nach 132 Jahren Schule an der Eulenstraße?

Die Inventarliste, die die kommissarische Schulleiterin Mechthild Kasparek und Schulsekretärin Giuseppina Schmidt in mühevoller Kleinarbeit geschrieben haben, weist 342 Positionen aus. Von „6 Kreidetafeln, Standort Klassen“ über „1 Stehpult, Standort Musikraum“ bis zu „circa 30 Kisten, Standort Schulgarten“.

Aber natürlich ist Schule mehr als „3 Bilderrahmen, Musikraum“ oder „1 Spülmaschine, Lehrerzimmer“. Viel mehr.

„Die Schule war unser Leben“, sagt Gisela Grollmann. Als sie 1958 ihren Dienst an der Eulenstraße als 22-jährige Jung-Lehrerin antrat, regierte Konrad Adenauer die Bundesrepublik, Hamburgs Erster Bürgermeister hieß Max Brauer. In der Eule bahnte sich in den kalten Wintermonaten alle zwei Stunden der Hausmeister den Weg durch 30 Jungen und 13 Mädchen, um Koks in den eisernen Ofen zu schütten.

Erinnerungen an viele Jahre an der Eule

63 Jahre später sitzt Gisela Grollmann an einem Apriltag in genau jenem Klassenraum, in dem alles begann. Chauffiert zum Termin mit dem Abendblatt hat sie die ehemalige Schulleiterin Birgit Knipper (72). Für ein Gespräch über die Katholische Schule St. Marien kann es keine besseren Gesprächspartnerinnen geben: Gisela Grollmann (85) unterrichtete hier 42 Jahre. Birgit Knipper fuhr als Grundschülerin von 1954 bis 1958 jeden Morgen mit der Straßenbahn in die Eule, 1972 startete sie hier ihre Laufbahn als Lehrerin, von 1988 bis 2013 leitete sie die Schule.

Insgesamt 87 Jahre verbinden die beiden Damen mit der Eule. Der Bogen spannt sich von kratzenden Griffeln über erste Taschenrechner bis zu Hightech-Schultafeln, die heutzutage in Klassenräumen den Lernstoff digital spiegeln.

Die Eule glich „einem Paradies“

„Als ich 1954 in die Grundschule kam, haben wir uns noch zu sechst in die Bänke gequetscht, die eigentlich nur für vier Kinder gedacht waren“, erinnert sich Birgit Knipper. Und dennoch glich die „Eule einem Paradies im Vergleich zu den ersten Nachkriegsjahren, als die Kinder in Zweierreihen vor der Essenbaracke warteten, den Henkelpott in der Hand, den Löffel im Knopfloch. Aus Kübeln schöpften die Lehrerinnen und Lehrer Milch-, Schokolade- oder Nudelsuppen in die mitgebrachten Töpfe. Nachschlag war eigentlich verboten, doch oft siegte im Wissen um die hungrigen Familien der Kinder Mitleid über Vorschriften. Vor den Ferien durften sich die Kinder Kaltverpflegung einpacken. Trockenkäse, Bohnen in Dosen und Schokolade. Die musste noch in der Schule angeknabbert werden, damit sie nicht auf dem Schwarzmarkt landete.“

Hygienische Zustände in Eule katastrophal

Währungsreform und Wirtschaftswunder vertrieben dann die größte Not. Anfang der 1960er-Jahre wichen die Kohleöfen der Eule einer Gasheizung, doch die 1913 eilig hochgezogenen Baracken blieben. Dabei sollten sie nur als Provisorium dienen, da das Backsteingebäude zu klein geworden sei.

„Kommt es in Ottensen zum Schulstreik?“, fragte das Abendblatt im Juni 1961 und sprach von einem Skandal. Die hygienischen Zustände seien katastrophal, die Kinder in den zugigen Pavillons ständig erkältet, die Geduld der Eltern am Ende.

Eule gab vielen Kindern eine Heimat

„Es waren bewegte Zeiten“, sagt Gisela Grollmann. „Ich habe mich oft gefragt, wie ihr das damals alles geschafft habt“, sagt Birgit Knipper. Denn die Wunden des Krieges heilten oft nur äußerlich. Die Eule gab vielen Kindern eine Heimat, deren Eltern durch Krieg und Vertreibung schwer traumatisiert waren.

Zu manchen Erstklässlern hat Gisela Grollmann heute noch Kontakt, die kleine Vase aus Glas, die ihr dankbare Eltern vor 60 Jahren mit einer Freesie schenkten, hat sie heute noch. Und lange bevor das Schlagwort Multikulti in den deutschen Sprachgebrauch einzog, war die Eule genau das: ein Schmelztiegel der Kulturen.

Gastarbeiterkinder und Lehrer aus Schlesien

In den 1970er-Jahren kamen die Kinder der ersten Gastarbeitergeneration, vor allem aus Spanien, Portugal, Italien und der Türkei. Ein Problem? Birgit Knipper schüttelt den Kopf: „Gerade das hat die Schule bereichert.“ Studenten halfen über ein Uni-Projekt bei Hausaufgaben, bei Schulfesten wurde international gekocht.

„Wir haben auch davon profitiert, dass mehrere Kolleginnen und Kollegen aus Ostpreußen und Schlesien kamen, also auch einen Migrationshintergrund hatten“, sagt Gisela Grollmann. Doch der große Schlüssel zum Erfolg der Integration hieß wohl schlicht Menschlichkeit.

Engagement für Kinder in Indien und Brasilien

Weil Schülerinnen und Schüler aus dem benachbarten St.-Ansgar-Kinderheim fast nie zu Geburtstagen eingeladen wurden, veranstaltete Birgit Knipper deren Partys eben bei sich daheim. Das Engagement der Schule zahlte sich auch für arme Kinder in Indien und Brasilien aus.

Im Dezember verkauften Eltern und Schüler bei Weihnachtsbasaren Gebasteltes, Stickereien und Marmeladen für den guten Zweck, über 380.000 Euro kamen in vier Jahrzehnten zusammen.

Renate Parey, die heimliche Chefin der Schule

Für Renate Parey waren diese Basare stets Großkampftage. Am Vortag rührte sie in großen Schüsseln Waffelteig, baute Tische und Stühle auf. Als sie zum Abendblatt-Termin in die Eule kommt, muss sie zunächst der Putzfrau bei der Suche nach dem Sicherungskasten helfen, im Keller ist es stockdunkel.

Kein Problem für Renate Parey, fast drei Jahrzehnte arbeitete sie als Hausmeisterin – zunächst in Vollzeit, später in der Rente als Aushilfe. Damit sie auch ja nichts vergisst, hat sie sich für das Gespräch mit dem Abendblatt in steiler Druckschrift Notizen gemacht.

„Viel Kaffee gekocht, Schultüten am Geländer befestigt, Schnee geschippt mit Kindern, Kinder nach der Dienstzeit gehütet, wenn die Eltern später kamen, Blätter gefegt, Kinder nie freiwillig, gab Gummibärchen.“ Die Schulchronik von 2014 fasst es noch knapper: „Für viele Kinder ist Frau Parey die heimliche Chefin der Schule.“

Als Viertklässler eine Handwerkerleiter stibitzten

Die Chefin kennt natürlich auch die besten Schülerstreiche. Unvergessen, wie Viertklässler einmal die Leiter von Handwerkern stibitzten, die das Dach nach einem Marder-Loch inspizierten. Die Klasse wurde zu einem Entschuldigungsschreiben verdonnert. Ein paar Tage später kehrten die Handwerker zurück und bedankten sich für den ungewöhnlichsten Brief der Firmengeschichte. Er bestand aus einem Satz: „Liebe blaue Männer auf dem Dach, wir machen das nie wieder.“

Wer sich von Renate Parey durch den Keller der Schule führen lässt, muss ständig den Kopf einziehen. Der Weg führt durch eine winzige Küche, das Rezept für Erdbeermarmelade steht noch an der Schiefertafel, über den Tischen hängen Girlanden, knallgelbe eingeschweißte Plastikenten warten auf einen Basar-Einsatz, der nicht mehr kommen wird. Und eingeklemmt zwischen Ordnern, Plastikkisten und Regalen liegt das Schild des Kampfes für die Schule. „Eule muss bleiben“ steht dort in großen, farbigen Lettern.

Nachricht von der Schließung kommt Anfang 2018

Es ist 18. Januar 2018, ein Donnerstagabend, als Mechthild Kasparek um 19 Uhr die Mail des Erzbistums öffnet, nach der in der Eule nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Die kommissarische Schulleiterin kennt die zentrale Botschaft bereits. Die Eule macht dicht, zu diesem Zeitpunkt besuchen 121 Kinder Schule und Vorschule.

Ein paar Wochen zuvor hatten Generalvikar Ansgar Thim und Christopher Haep, Abteilungsleiter Schule und Hochschule des Bistums, die Leitungen der betroffenen Schulen unter dem Siegel der Verschwiegenheit eingeweiht.

Mechthild Kasparek muss nun ihre Kolleginnen erklären, dass enden wird, was noch im Kaiserreich begann. „Sie haben gefasst reagiert“, sagt sie. Denn bereits 2017 kursierten entsprechende Pläne angesichts der Schuldenlast des Erzbistums. Und dass es St. Marien als kleinste Schule erwischen könnte, hatten sie alle befürchtet.

„Brisante wirtschaftliche Situation" zwingt zur Schließung

Auch die anderen betroffenen Schulleitungen informieren an diesem Abend ihre Kolleginnen und Kollegen, zeitgleich sprechen Haep und Thim mit den Elternvertretern. Am Tag danach treten die Kirchenvertreter vor die Presse, verweisen auf ein Gutachten der Unternehmensberater Ernst & Young, sprechen über „dramatischen Handlungsbedarf“ und eine „brisante wirtschaftliche Situation, die alle Aktivitäten und Geschäftsbetriebe der Kirche gefährdet“.

Das Fazit des Bistums: Um das Gesamtsystem zu retten, müssen fünf Schulen als „wirtschaftlich nicht tragfähig“ auslaufen – darunter die Eule. Drei weiteren Schulen gewährt das Bistum eine einjährige Schonfrist, um nach Lösungen zu suchen.

Demonstrationen für Erhalt der Schulen

In den nächsten Tagen tobt ein Proteststurm durch Hamburg. „Wir sind erschüttert. Unser Vertrauen ist gebrochen“, schreiben die Leitungen aller 21 katholischen Schulen in einem zweiseitigen Brief an Erzbischof Stefan Heße und Generalvikar Thim. „Wir sind maßlos enttäuscht worden“, klagt die Gesamtelternvertretung.

Es gibt Demonstrationen vor dem Mariendom und auf dem Rathausmarkt. Gisela Grollmann protestiert mit – und fängt sich eine saftige Erkältung ein. Das war es ihr wert: „Ich wollte einmal erleben, dass auf dem Rathausmarkt ‚Großer Gott, wir loben Dich‘ gesungen wird.“

Initiative will katholische Schulen retten

Doch es bleibt nicht bei Protesten. Noch im Januar 2018 bildet sich eine Initiative, die nur ein Ziel hat: alle katholischen Schulen retten. Angeführt vom ehemaligen Staatsrat Nikolas Hill (CDU) und Prof. Christian Bernzen, Schatzmeister der SPD Hamburg, entwickeln Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – unter ihnen Christoph Schoenfeld, inzwischen Vizepräsident des Hamburgischen Verfassungsgerichts, sowie Rainer Schmitz, ehemaliger Staatsrat der Behörde für Bildung – ein überraschendes Konzept.

Der Kern: Eine Genossenschaft soll die katholischen Schulen übernehmen. Binnen weniger Wochen wirbt die Initiative Spendenzusagen von 2,5 Millionen Euro ein. Zu den Unterstützern zählen die Dorit & Alexander Otto Stiftung, die Haspa, St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich sowie 1200 Bürger, die einen Anteil von 1000 Euro zahlen wollen.

Erzbistum spricht von „politischer Erpressung“

Doch die Verhandlungen zwischen Stiftung und Bistum stocken. Anfang Juli 2018 erklärt Erzbischof Stefan Heße das Scheitern. Es sei „leider nicht gelungen, mit der Hamburger Schulgenossenschaft eine tragfähige Lösung für die betroffenen Schulen zu finden“.

Es ist ein Ende mit Eklat: Generalvikar Thim hatte kirchlichen Gremien vor der Entscheidung eine Stellungnahme zum Stand der Gespräche geschickt. Dieses 17-seitige Papier gleicht einer Generalabrechnung. Das Erzbistum spricht von „politischer Erpressung“ seitens der Genossenschaft, wirft ihr „eindeutig unwahre Angaben“ vor.

Zweifel an den von der Kirche vorgelegten Zahlen

Bei der Initiative löst dieses Vokabular Entsetzen aus. „Das Vorgehen der Bistumsleitung halten wir für destruktiv und befürchten einen bleibenden Schaden für das Ansehen der Kirche.“

Auch Schulsenator Ties Rabe (SPD) zeigt sich enttäuscht: „Hier ist eine Chance verspielt worden, fünf gute Schulen zu retten.“ Zudem gibt es Zweifel an den von der Kirche vorgelegten Zahlen.

Unternehmer Eugen Block, die PR-Agenturchefin Alexandra von Rehlingen und Budnikowsky-Chef Cord Wöhlke werfen dem Bistum „Bilanz-Taktiererei“ vor. Block engagierte eigens einen Unternehmensberater für ein Gutachten. Das Erzbistum weist alle Vorwürfe zurück.

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Bistum engagiert erfahrenen Krisenmanager

Knapp drei Jahre nach dem Aus der Gespräche eilt Christopher Haep (45) an einem April-Tag mit federnden Schritten in den Konferenzraum der Katholischen Akademie, nur wenige Fußminuten vom Michel entfernt. Haep hat, das darf man sagen, Erfahrung im Krisenmanagement.

Der promovierte Theologe, Germanist und Pädagoge leitete von 2006 bis 2016 das Internat des Aloisiuskollegs in Bonn-Bad Godesberg. In seiner Amtszeit wurde bekannt, dass unter seinen Vorgängern über Jahre Schüler systematisch misshandelt und missbraucht wurden.

Haep, der sein Facebook-Profilbild mit dem Slogan „Kein Millimeter Nach Rechts“ ergänzt hat, setzte auf Transparenz, führte 2013 sogar einen Reporter durch die Duschräume, in denen ein ehemaliger Internatschef Schüler beim Duschen beobachtete.

Umbau wegen Denkmalschutz unrealistisch

Im August 2016 wechselte Haep nach Hamburg, unter seiner Regie übernahm das Erzbistum als Träger dann den Katholischen Schulverband. Mit seinem neuen Team schaute sich Haep jede Schule vor Ort an, auch die Eule.

Sein heutiges Urteil: „Die Schule ist geprägt von einer intensiven Zuwendung zu den Schülerinnen und Schülern und einer hervorragenden pädagogischen Arbeit.“ Doch dann folgt sein Aber: „Es fehlen die Flächen für Differenzierung, für Ganztagsbetreuung, für Verwaltung, für eine Sporthalle.“ Haeps Fazit: „Die Art und Weise, wie wir uns zukunftsfähige Schulen vorstellen, lassen sich mit einer einzügigen Form nicht vereinbaren.“

Er verweist auf den städtischen Schulträger: „Mit Recht schreckt die Freie und Hansestadt schon vor zweizügigen Grundschulen zurück.“ Und ein Umbau mit einer Erweiterung sei angesichts der Lage und der Denkmalschutzauflagen unrealistisch.

Bistum spricht von „einem enormen Investitionsstau“

Mit Blick auf alle Standorte sei die Einzügigkeit indes nur ein Teil des gesamten „Risikopakets“, wie Haep es nennt: „Wir reden hier über nicht getätigte Rückstellungen für Beihilfe- und Pensionsleistungen in der Größenordnung von mehreren Hundert Millionen Euro, über eine Unterdeckung im laufenden Betrieb aller Schulen von rund 13 Millionen Euro im Jahr, von einem enormen Investitionsstau.“

Allein in den 15 nun verbleibenden Schulstandorten müssten mehr als 130 Millionen Euro investiert werden: „Ohne die Schließungen hätten wir riskiert, das gesamte System gegen die Wand zu fahren.“ Die Anstrengungen von Initiativen, die Schulen zu retten, hätten „höchste Anerkennung“ verdient. Doch tragfähige Lösungen für Finanzmisere und Liegenschaftsprobleme habe man mit keinem Kooperationspartner entwickeln können.

Einen Fehler gibt Haep zu: „Wir hätten noch stärker versuchen müssen, die Menschen bei so harten Entscheidungen mitzunehmen, um mehr Verständnis für unsere Entscheidungsprozesse zu gewinnen.“

Erzbistum habe „angstgetrieben agiert“

Wie tief die Gräben zwischen Bistum und Kritikern nach wie vor sind, zeigt der Termin mit Nikolas Hill (49) am Neuen Wall. Der promovierte Jurist zählte schon von 2006 bis 2009 als Leiter des Planungsstabs im Von-Beust-Senat zu den engsten Vertrauten des damaligen Bürgermeisters, inzwischen arbeitet er als Gesellschafter bei der Beratungsgesellschaft von Beust & Coll.

Nach wie vor hält er den Kurs des Bistums für völlig falsch: „Es gab eine reelle Chance, alle 21 Standorte zu retten.“ Viele Persönlichkeiten hätten dabei mithelfen wollen. „Die Stadtgesellschaft hat anerkannt, was diese Schulen für die Bildung in Hamburg leisten.“

Doch statt offen und ehrlich und vor allem rechtzeitig um Unterstützung zu werben, habe das Bistum „angstgetrieben agiert“. Sein Fazit: „Statt den Schulen durch engagierte Katholiken eine Zukunftsperspektive zu geben, haben Erzbischof Heße und Generalvikar Thim sie lieber geschlossen.“

Alle Rettungspläne für die Eule scheiterten

Auch ein allein auf die Eule zugeschnittener Rettungsplan scheiterte. Im Frühjahr 2018 berieten engagierte Eltern und Lehrer mit der Katholischen Schule Blankenese über eine Fusion, höheres Elterngeld und größere Klassen. Gemeinde und Schulverein hätten die Gehälter des nicht pädagogischen Personals – Hausmeister und Schulsekretariat – übernommen.

In einem Akt der Solidarität war die Schule in Blankenese sogar bereit, auf den geplanten Neubau einer Mensa zu verzichten. Die Mittel von 600.000 Euro sollten in die Sanierung der Schule in Ottensen fließen. Und es lebte ein Plan wieder auf, der in der Gemeinde bereits vor zehn Jahren diskutiert worden war: ein Erweiterungsbau auf Stelzen vor der Eule, um die Schule zweizügig zu machen. Am Ende blieben alle Konzepte Makulatur.

Eule ist alles andere als eine „Geisterschule“

Kann Schule bei so viel Streit im Umfeld noch funktionieren? Wer in den vergangenen Wochen die Eule besuchte, sah dies: 20 Kinder, die eifrig Englisch lernen, in Mathe den Zahlenraum bis zu einer Million erobern, in Deutsch Grammatik und Rechtschreibung üben, in Kunst Hundertwasser-Bilder nachmalen, sich in Musik mit Liedern von Johannes Oerding beschäftigen. Und in den Pausen auf dem Schulhof toben.

Von der befürchteten Geisterschule konnte jedenfalls nie die Rede sein. Im Gegenteil. „In der Pausenaufsicht mussten wir manchmal aufpassen, dass wir nicht umgerannt werden“, sagt Klassenlehrerin Kirsten Jessen lachend. Und Schulsekretärin Giuseppina Schmidt, die bei offener Bürotür arbeitet, sagt: „Es war genauso laut wie immer. Herrlich.“

Leere Schule während Corona als Standort-Vorteil

Natürlich gab es auch mal Tränen. Aber die waren nicht dem nahenden Abschied, sondern einem harmlosen Sturz geschuldet. Kinder interessieren sich nun mal weder für Pensionslasten noch für Investitionsstaus, sondern leben im Hier und Jetzt. Und das bot vor allem eines: Platz, ganz viel Platz. Da die Schule nach 2017 keine neuen Schülerinnen und Schüler mehr aufnahm, konnte sich der letzte Eulen-Jahrgang von Schuljahr zu Schuljahr mehr Raum erobern.


Gerade in der Corona-Zeit wurde dies zu einem echten Standort-Vorteil. Als Homeschooling angesagt war, verteilten sich Kinder, die nicht daheim betreut werden konnten, vor ihren Tablet-Computern coronakonform in fünf verschiedenen Klassenräumen und lernten dort. Und während zum Ausklang der dritten Welle in den Hamburger Schulen nur Wechselunterricht möglich war, verteilten sich in der Eule zwei Gruppen, strikt getrennt auf Klassenräume.

Eltern loben Arbeit des pädagogischen Teams

„Das war absoluter Luxus“, sagen die Elternvertreterinnen Petra Krumbe und Juliane Stoltenberg. Wie eng die Klasse zusammenwuchs, zeigte sich auch beim Unterricht daheim. Kirsten Jessen probte Entspannungstechniken mit ihren Schülerinnen und Schülern. Und Eltern, die sich mitunter wunderten, warum nur noch die Stimme der Lehrerin zu hören war, stellten beim kurzen Blick in die Kinderzimmer fest, dass das Kind tiefenentspannt auf dem Boden ruhte.

„Was das pädagogische Team in den Jahren geleistet hat, ist einfach überragend“, lobt Petra Krumbe. Manche Eltern hatten beim Verkünden der Schließungspläne befürchtet, das Erzbistum werde die Schule abwickeln. Das passierte nicht, im Gegenteil, in den Abschiedsjahren waren die Stundenzuweisungen gemessen an der Schülerzahl großzügig.

Letzter Schultag in der Eule am Mittwoch

Auf das Erzbistum sind die Elternvertreterinnen dennoch nicht gut zu sprechen. „Uns hat die Kirche nie das Gefühl gegeben, dass sie sich um ihre Schäfchen kümmert“, sagt Petra Krumbe. In den Gesprächen sei es immer nur um Zahlen gegangen. „Wir haben uns gefühlt wie Statisten in einem Theaterstück“, sagt Juliane Stoltenberg.

Noch bis Mittwoch wird die Eule als Katholische Schule existieren. Dann gibt es Zeugnisse und einen weiteren Gottesdienst auf dem Schulhof. „Wenn ich an den Abschied denke, werde ich traurig“, sagt Mechthild Kasparek. Sie wird wie ihre Kolleginnen an andere katholische Schulen wechseln. Die Kinder haben Aufsätze über ihre Zeit in der Eule geschrieben, jedes Kind wird ein Heft mit diesen Aufsätzen erhalten. Auch eine Internetseite soll die Erinnerung an 132 Jahre Eule wachhalten.

Das Aus schmerzt wohl niemanden so sehr wie Gisela Grollmann, die 42 Jahre hier unterrichtete. Sie sagt: „Zu der Entscheidung maße ich mir kein Urteil an. Aber ich werde nie begreifen, wie man dieses Wurzelwerk des Katholizismus herausreißen kann. Dies hier war ein Ort, der die Schülerinnen und Schüler mit mehr versorgt hat als Lesen, Schreiben und Rechnen.“

Und was wird nun aus der Eule?

Befürchtungen, dass das in Bestlage von Ottensen gelegene Grundstück nun mit teuren Eigentumswohnungen bebaut wird, scheinen unbegründet. „Der Standort wird von der Schulbehörde auch zukünftig als Bildungsstandort gesehen“, sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde, auf Abendblatt-Anfrage.

Gerade in einem Gebiet wie Ottensen sei es notwendig, solche Flächen zu erhalten und effektiv zu nutzen. Zwar sei das Gebäude für eine eigenständige Schule zu klein, aber als eine Art Filiale für eine benachbarte Schule sehr wohl geeignet.

Geschlossene Schule wird zu „Schule des Lebens“

Doch es gibt noch einen anderen Plan, ausgearbeitet von Pastor Wolfgang Bruns, Experten des Erzbistums und einem Künstlerkollektiv: mit der Eule als Heimat für kleine Opernproduktionen, für Weiterbildung und Angebote für Jugendliche. Der alte Backsteinbau wäre Herz eines neuen Quartiers mit 45 Wohnungen, errichtet in Zusammenarbeit mit einer Genossenschaft.

„Schule des Lebens“ heißt der zunächst verwegen klingende Plan. Aber gerade Ottensen gilt als Modell für erfolgreichen Wandel. Aus einer Werkhalle für Holzverarbeitungsmaschinen entstand das Kulturzentrum Fabrik, aus einem Unternehmen für Schiffsschrauben wurden die Zeisehallen.

Vielleicht lebt die Eule also doch weiter. In anderer Gestalt. Der heilige Martin zumindest wird auf keinen Fall verschrottet. Die Schule hat die Figur dem Kindergarten geschenkt. Das kunstvolle Holzpferd wird also weiter bei St.-Martins-Umzügen durch Ottensen getragen. Vielleicht ein gutes Omen.