Prozess der Woche

Ein Nachbar mit Golfschläger, der andere mit Dachlatte

Streifenwagen vor einem Hamburger Justizgebäude (Symbolfoto)

Streifenwagen vor einem Hamburger Justizgebäude (Symbolfoto)

Foto: picture alliance / Bodo Marks/dpa

Gefährliche Körperverletzung wird dem Angeklagten vorgeworfen, weil er seinen Nachbarn mit einer Holzlatte angegriffen hatte.

Hamburg. So ein ehrenwertes Haus! Dieter H. (Name geändert) ist stolz darauf, wie lange er dort schon als Mieter wohnt, seit Beginn der 80er-Jahre, erzählt er. Zweimal erwähnt der 69-Jährige diese Tatsache, quasi als Beweis dafür, wie friedlich und harmonisch alles über Jahrzehnte war. Doch mittlerweile sei es mit der Ruhe vorbei, und der Hamburger ist sicher, den Störenfried ausgemacht zu haben: eine Familie, die seit einigen Jahren über ihm wohnt. Und inzwischen ist man sich spinnefeind.

Er selbst das Unschuldslamm und der Nachbar der Buhmann? Aus Sicht von Dieter H. ist die Geschichte offenbar so simpel. Gut und böse, die Rollen eindeutig verteilt. Deshalb ist der Rentner auch überzeugt, mit ihm sitze der Falsche auf der Anklagebank. Eigentlich, so seine Botschaft, sei er das Opfer. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Gefährliche Körperverletzung wirft sie dem Mann vor, weil er im Februar 2015 während einer Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn diesen mit einer Holzlatte angegriffen und ihm einen Finger gebrochen habe. Das Amtsgericht hatte gegen den 69-Jährigen dafür eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten verhängt. Dagegen ging der Angeklagte in die Berufung, über die in zweiter Instanz vor dem Landgericht verhandelt wird.

An jenem Abend kam es wegen Musik zum Eklat

Die Stimme des zierlichen, grauhaarigen Mannes überschlägt sich vor Empörung, während er seine Sicht der Dinge schildert. Demnach verlief der Abend, an dem es zum Eklat kam, so: Sein Nachbar hörte Musik, „so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte“, erzählt der 69-Jährige. Als er mit einem Besen an die Decke schlug, wurde die Musik demnach noch lauter. Dann klopfte es an der Tür. „Ich hatte zufällig ein Stück Holz in der Hand, das ich in den Keller bringen wollte.“

Sein Nachbar sei mit einem Golfschläger bewaffnet gewesen und habe ihn damit schlagen wollen. „Ich versuchte, mich mit meiner Holzlatte zu schützen. Dann dachte ich, dass der Spuk vorbei ist, sah aber, wie er erneut versuchte, mich zu treffen.“ Da sei er rückwärts in seine Wohnung geflüchtet. Wie sein Nachbar sich den Fingerbruch zugezogen habe, ist Dieter H. laut seiner Schilderung bis heute ein Rätsel. Womöglich habe er sich die Verletzung selber zugefügt. Sein Nachbar ist ein baumlanger Kerl mit breitem Kreuz und Rauschebart, kein Mann, der ängstlich oder übervorsichtig wirkt. Und trotzdem, erzählt der Lkw-Fahrer, seien bei ihm die Alarmglocken angegangen, als sich wieder einmal ein Streit mit dem Älteren anbahnte.

Das Misstrauen wächst

Er habe an jenem Abend leise Musik gehört, weil Ehefrau und Tochter schon schliefen, sagt der 43-Jährige. Doch dann klopfte sein Nachbar gegen die Heizung. „Ich wollte ihn zur Rede stellen, nahm zum Schutz einen Golfschläger mit.“ Als der Nachbar öffnete, „hatte er in der einen Hand eine Dachlatte, in der anderen ein Messer. Da bin ich gleich ein paar Stufen hoch zurückgewichen. Es kam erst zum verbalen Streit, dann schlug er mir mit der Dachlatte auf die Hand.“ Als Reaktion habe er mit dem Golfschläger „einmal über seinem Kopf gekreist, ohne ihn damit zu berühren“. Er habe überlegt, noch in der Nacht die Polizei zu rufen, dann aber darauf verzichtet, weil er glaubte, seine Tochter schlafe fest. Am nächsten Tag versuchte er noch, seiner Arbeit nachzugehen. Doch weil der Finger zu sehr schmerzte, suchte er einen Arzt auf.

Warum er als großer, kräftiger Typ sich mit einem Golfschläger bewaffnete, möchte die Verteidigung von dem Zeugen wissen. „Wegen einer früheren Begegnung im Keller“, erklärt dieser. Unheilvoll schwebt die Erinnerung an dieses Zusammentreffen mit dem Älteren noch immer über dem 43-Jährigen. Als der Nachbar sich im Halbdunkel hinten an seinen Gürtel fasste, habe er gemeint, dieser ziehe ein Messer. Daraufhin zückte er eine Luftdruckwaffe. Am Ende flüchteten beide Männer in den jeweiligen eigenen Verschlag – und begegnen sich seitdem mit stetig wachsendem Misstrauen.

Das bestätigt auch die Frau des 43-Jährigen. Man sei vor Dieter H. auf der Hut, erzählt die junge Mutter. Der Nachbar sei unberechenbar und überempfindlich. Obwohl die Musik seinerzeit in verträglicher Lautstärke war, habe Dieter H. überreagiert. Dass der 69-Jährige nicht nur eine Holzlatte, sondern auch ein Messer in Händen hielt, wie ihr Mann es schilderte, bestätigt die Zeugin. „Wir hatten Angst, und unsere Herzen klopften.“ Bis heute gebe es weiter Streit um Lärm. „Und wir wollen doch nur unsere Ruhe.“

Verfahren wird eingestellt

Die Entscheidung, die das Gericht am Ende fällt, könnte zur Erfüllung dieses Bedürfnisses beitragen. Das Verfahren gegen den Angeklagten wird eingestellt – mit der Auflage, dass Dieter H. versuchen soll, in Zusammenarbeit mit der Gerichtshilfe einen sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich zu erreichen. Dieses Verfahren dient dazu, dass Täter und Opfer sich möglichst insoweit verständigen, dass das Opfer auch eine Entschädigung erhält – und vor allem, dass eine Frieden stiftende Lösung des Konflikts erreicht wird. Schließlich werden sie bis auf Weiteres Nachbarn bleiben.